Wissenschaftliche Akustiker und Audiologen trafen sich in Oldenburg

Die physikalische und die medizinische Akustik bilden zusammen ein grenzwissenschaftliches Kompetenzfeld von zunehmendem Gewicht. Da lag es nahe, dass die wissenschaftlichen Akustiker und Audiologen ihre Jahrestagung in diesem Jahr zusammenlegten.

Inder Carl-von-Ossietzky-Universität Oldenburg (UOL) fanden vom 10. bis 15. März 2014 die 40. Deutsche Jahrestagung für Akustik (DAGA) und die 17. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Audiologie (DGA) in Zusammenarbeit mit Oldenburger Exzellenzcluster „Hearing4all“ statt. (1) Zu dem größten und europaweit bedeutendsten Treffen von wissenschaftlichen Akustikern und Audiologen, die erstmals gemeinsam tagten, waren nach Angaben der Veranstalter 1.700 Fachleute und 41 Aussteller aus aller Welt gekommen. Gesponsert wurde die Tagung von den Akustik-Firmen:
Head Acoustics, BSW Berleburger Schaumstoffwerke, Norsonic-Tippkemper und Ecophon. Hörgerätehersteller (außer RION aus Japan) und Hersteller von audiologischen Implantaten waren in diesem Jahr nicht mehr dabei. Das deutet darauf hin, dass sich die Forschungsgebiete und ihre kommerziellen Verwertungen stärker ausdifferenzieren und gleichzeitig neue Cluster bilden.

Auf einer Pressekonferenz gaben die Professoren Martin Ochmann für die Deutschen Gesellschaft für Akustik (DEGA), Tobias Moser für die Deutsche Gesellschaft für Audiologie (DGA) und Birger Kollmeier von der Universität Oldenburg als Tagungspräsident und Clustersprecher Auskunft über die Ziele und Inhalte der Tagung sowie über aktuelle Trends in der Forschung Auskunft: „Bei der Akustik-Tagung dreht sich alles um die Erzeugung, Ausbreitung und Verarbeitung von Schall sowie um die Wirkung von Schall auf den Menschen. Die Entwicklungen in diesem Bereich sind vielfältig: So beschäftigt sich beispielsweise die Kraftfahrzeug-Akustik aktuell mit der Frage, wie Fahrzeuge weniger Lärm abstrahlen und ihr akustischer Komfort optimiert werden kann. Zum Einsatz kommen dabei akustische Simulations- und Messmethoden, die immer komplexer werden. Zur genauen Erfassung der räumlich verteilten Schallquellen mit mehreren Mikrophonen dienen ‚akustische Kameras‘ und ‚virtuelle Kunstköpfe‘, die den Schall ähnlich verarbeiten wie das menschliche Gehör. Wie die Ultraschall-Ortung bei Fledermäusen funktioniert und welche Erkenntnisse sich daraus für die moderne Akustik ziehen lassen, ist ebenso Thema der Tagung wie die Interaktion von Akustik und Optik. Das letztere noch junge Forschungsgebiet untersucht Möglichkeiten, kleinste akustische Schwingungen mit bislang unbekannter Genauigkeit abtasten zu können. Mit passenden Laserlicht-Impulsen können solche Schwingungen sogar zur Stimulation des Innenohrs genutzt werden“, erläuterte Professor Ochmann für die DEGA.

Für die Audiologen und die DGA erklärte Professor Moser: „Auch die Jahrestagung für Audiologie hat viele Innovationen zu bieten. Thema ist die Rehabilitation und Diagnostik von Hörstörungen mit Hörgeräten oder Cochlea-Implantaten. Der Einsatz von mathematischen Hör-Modellen steht dabei zunehmend im Mittelpunkt. In Sitzungen und Plenarvorträgen diskutieren die Teilnehmer Hör-Modelle als theoretisches Fundament der Audiologie“.

Kompetenzen

Professor Kollmeier ergänzte: „Das Wechselspiel zwischen Theorie, Experiment und Anwendung, das als Erfolgsrezept der Physik gilt, wird auch in der Audiologie, einer Querschnitts-Disziplin zwischen Medizin, Natur- und Ingenieurwissenschaft sowie der Pädagogik, immer wichtiger. Auch daran arbeiten wir im Exzellenz-Cluster, Hearing4all’ mit Hochdruck. Dies betrifft sowohl die Physiologie – also die ‚Hardware‘ des Hörens bei der Umsetzung akustischer Signale im Gehirn – als auch die Diagnostik von Hörstörungen und ihre therapeutische Behandlung. Auch so genannte ‚theragnostische‘ Ansätze, die in jüngerer Zeit verfügbar werden, sind Thema der Tagung. Sie integrieren bei einer implantierten Hörhilfe Diagnose-Funktionen über den Zustand des Hörsystems.“

Die Fachgebiete, die auf der DAGA in den Vorträgen behandelt wurden, sind sehr vielfältig und ihre Auflistung gibt einen Eindruck davon, wie umfangreich das Kompetenzfeld Akustik und Audiologie mittlerweile geworden ist: Aktive akustische Systeme, Akustische Messtechnik, Audiologische Akustik, Audiotechnik, Bauakustik, Bioakustik, Elektroakustik, Fahrzeugakustik, Geräuschbeurteilung, Geschichte der Akustik, Hydroakustik, Körperschall, Lärmausbreitung, Lärmschutz, Lärmwirkungen, Lehre der Akustik, Medizinische Akustik, Musikalische Akustik, Numerische Akustik, Physikalische Akustik, Technische Akustik, Psychoakustik, Raumakustik, Schwingungstechnik, Signalverarbeitung, Soundscape, Sound Design, Sprachverarbeitung, Strömungsakustik, Ultraschall, Vibroakustik, Virtuelle Akustik. Wie immer wird man in Oldenburg mit einer Reihe von Namen, Institutionen und Initiativen konfrontiert, die zu verstehen und einzuordnen sind. Außer „Hearing4all“ sind dies das „Auditory Valley“ mit seinen verschiedenen Foren, die HörTech GmbH, die Fraunhofer Projektgruppe Hör-, Sprach- und Audiotechnologie IDMT, das Hörzentrum, das Department Medizinische Physik und Akustik in der UOL, das Haus des Hörens, der Hörgarten, das Deutsche Hörzentrum, das Verbundinstitut für Audio-Neurotechnologie und Nano-Biomaterialien (VIANNA). Wir werden demnächst mehr darüber informieren.
 
(1) Die Bezeichnung DAGA ist historisch und bedeutet „Deutsche Arbeitsgemeinschaft für Akustik“. Sie wird nur noch als Headliner für die Jahrestagung der Nachfolge- organisation der DAGA, der DEGA, verwendet. Faktisch gibt es nur zwei Organisationen auf den Gebieten dieser Tagung, die DEGA (Deutsche Gesellschaft für Akustik) und die DGA (Deutsche Gesellschaft für Audiologie).