Schärfer Hören – die Acriva-Systeme von Bernafon

Neues aus dem Hause Bernafon. Mit der Acriva-Produktfamilie halten sowohl neue IdO- als auch HdO-Systeme Einzug in das Angebot des Schweizer Herstellers. Was an den Geräten neu ist, konnte man zum Beispiel während der Bernafon-Roadshows im April in Erfahrung bringen. Eine Rückschau auf die Veranstaltung in Hamburg.

Das sieht man auf den Roadshows der Industrie nicht alle Tage. Bis auf den letzten Platz ist der Seminarraum des NH-Hotels in Hamburg Hohenfelde besetzt. 36 Akustiker aus Norddeutschland sind der Einladung Bernafons gefolgt, um sich über die brandneue Produktfamilie Acriva informieren zu lassen. Für die Präsentation hat Sebastian Wiesner einiges an Ausrüstung aus Berlin mitgebracht. Ein Klangfinder steht in der Mitte des Raumes, eine 7.1-Anlage ist zur Beschallung des Raumes installiert worden, eine Messbox steht für Demonstrationen bereit, über den obligatorischen Beamer werden Folien mit Bildern, Grafiken und Abbildungen der Live-Demonstrationen auf die Leinwand geworfen, auf den Tischen liegt für jeden Besucher ein Paar Acriva-HdO-Systeme zum Testen bereit. Der Termin in Hamburg ist der Auftakt der Bernafon-Roadshow-Tour. Eine gute Wahl für den Start, findet Sebastian Wiesner. Der Produkttrainer hat gute Erinnerungen an die Hansestadt. Schnippisch schaut er in den Raum. Das letzte Mal, als er in Hamburg war, erzählt er, sei sein Kleinbus abgeschleppt worden, während er zum Ausladen kurz im Halteverbot stand. Das Vehikel musste er schließlich aus dem sogenannten Autoknast auslösen. Dem diensthabenden Beamten habe er leicht genervt zugeraunt, dass der HSV doch absteigen möge, schmunzelt Wiesner. Doch am Ende der Saison stieg Hertha BSC ab und nicht der Hamburger Sportverein. So kann es gehen. Die Besucher lachen. Der Produkttrainer hat die Akustiker auf seiner Seite. Es kann losgehen.

Scharf gestellt

Acriva – den Namen für ihre neue Hörsystemfamilie hat die Firma Bernafon dem griechischen Wort Akrivis entnommen, was so viel bedeutet wie „Präzision“ oder „Genauigkeit“. Und so sorgen die Geräte der Acriva-Familie für präzise Verstärkung und genaues Sprachverstehen. Die dazugehörige Marketing-Kampagne hebt auf das Thema Fotografie ab. Die Produktbroschüren zieren diverse Fotos. Die zu sehenden Motive sind durchweg unscharf, allein die Köpfe der abgebildeten Menschen sowie beispielsweise ein Telefon oder ein Saxophon sind gestochen scharf zu sehen. Stimmen, Sprache, Telefonieren, Musikhören – darauf kommt es an. Alles andere liegt unscharf im Hintergrund. Erhältlich sind die neuen Systeme in der Acriva-7- sowie in der Acriva-9-Reihe. Beide Serien sind für Menschen mit leichtem bis schwerem Hörverlust geeignet, beide Serien halten sowohl HdO- als auch IdO-Geräte bereit. Die 9er-Reihe bietet bei den IdO-Bauformen, neben den CIC und CICP-Geräten, auch das „äußerst diskrete IIC“ an.

Beide Reihen verfügen über Bernafons eigens entwickelte Audio EfficiencyTM 2.0-Technologie, unter der die Bereiche Individualisierung, Sprache und Komfort zusammengefasst sind. Zudem können alle HdO-Acriva-Bauformen sowie die meisten IdO-Acriva-Systeme, die die binaurale Koordination zwischen beiden Hörsystemen ermöglichen, kabellos mit externen Audiogeräten verbunden werden. Die 9er-Serie bietet, neben der in beiden Reihen verfügbaren ChannelFreeTM-Technologie, der adaptiven Direktionalität und der Frequency CompositionTM außerdem die True DirectionalityTM-Technologie an. Zudem verfügt sie, im Gegensatz zur 7er Reihe, über ein Live-Musikund ein Kino-Programm, um die Geräte in der Anpassung noch weiter für den Kunden zu individualisieren. Von den neuen Features rückt Sebastian Wiesner während der Roadshow in Hamburg die Frequency CompositionTM in den Fokus. Voraussetzung für die Innovation ist eine neue Chipgeneration, die erstmals in den Bernafon Acriva Hörsystemen eingesetzt wurde.

Ein neuer audiologischer Ansatz

Mit der Frequency CompositionTM begegnet Bernafon den Hörverlusten im Hochtonbereich. Verfolgten andere Hersteller in diesem Fall bisher etwa die Strategie, das Signal in den hohen Frequenzbereichen in einen niedrigeren Frequenzbereich zu transponieren, in dem der Hörsystemträger noch Hörvermögen hat, um es so für ihn hörbar zu machen, hat Bernafon diesen Ansatz nun erweitert. So wird zwar auch mit Frequency CompositionTM das Hochton-Signal in einen niedrigeren Frequenzbereich transponiert (hier kann der Akustiker zwischen drei Zielfrequenzbereichen wählen und die Lautstärke bestimmen), komprimiert und über das Originalsignal gelegt, ohne dass Auslöschungen auftreten. Die Frequenzbreite des Eingangssignals bleibt dabei unverändert und der Klang weiterhin natürlich. Sollte es also noch ein Resthörvermögen im Hochtonbereich geben, wird dieses bei Anwendung von Frequency CompositionTM weiterhin stimuliert. Sollte es kein Resthörvermögen im Hochtonbereich mehr geben, spiele das, erklärt Sebastian Wiesner, auch keine Rolle. Der Kunde höre es dann ja einfach nicht.

Mit Blick auf die Fotografie-Kampagne könnte man es auch so verdeutlichen: Hat jemand eine Farbschwäche und sieht zum Beispiel ein von grünen Farben dominiertes Bild eher rot, gibt man ihm durch einen Filter das Bild in einer anderen Farbgebung ein zweites Mal in sein Sichtfeld. Die Rot-Grün-Schwäche ist damit zwar nicht aufgehoben, aber durch das Dazugeben einer weiteren Farbe ist der Gesamteindruck wieder näher am tatsächlichen Bild.

Davon, die Frequency CompositionTM grundsätzlich zu aktivieren, rät Sebastian Wiesner im Übrigen ab. Allein, wenn man sicher sein kann, dass sie etwas bringt, solle man sie einschalten.

Außerdem neu ist die Adaptive Noise Reduction Plus. Mit Hilfe eines modulationsbasierten Algorithmus „analysiert ANR Plus den Signal-Rausch-Abstand (SNR) präzise“ und kann so den dynamischen Veränderungen des Signals folgen und schnellstens reagieren. Bei sehr niedrigem SNR fährt die ANR Plus die maximale Dämpfung. Wird der Sprachpegel lauter als der Lärm, wird die Dämpfung verringert oder ganz aufgehoben, um die Sprache klar zu halten und Hörermüdungen zu reduzieren. Bisher, so erzählt Sebastian Wiesner, habe das beileisem Eingangspegel nicht immer vorbildlich funktioniert. Doch die ANR Plus liefere auch bei 50 bis 60 dB Sprachpegel gute Ergebnisse. Dass dem so ist, demonstriert der Produkttrainer mit einem Versuch. Er bittet die Akustiker im Seminarraum, einen Zischlaut zu machen. Der erste Anlauf ist schon erfolgreich. 65 dB Störschall sind zustande gekommen. Das über die Acriva-Systeme in dem Klangfinder aufgezeichnete Störgeräusch legt Sebastian Wiesner über einige gesprochene Sätze aus der Konserve. Und tatsächlich: Mit Hilfe der ANR Plus ist alles weiterhin zu verstehen. In einem kleinen Test, für den sich die Besucher das Paar Acriva-HdO-Systeme einsetzen, wird die Effizienz von ANR Plus durch einen Vergleich mit einem System aus der Chronos-Familie, die durch die Acriva-Familie nicht abgelöst, sondern ergänzt wird, noch einmal verdeutlicht.

Kriegserklärung oder doch nur Fußballergebnisse?

Als weitere Neuheit bietet die Acriva-Familie die Möglichkeit der sprachspezifischen Anpassziele. Sprachen haben, wie Sebastian Wiesner erklärt, große Unterschiede in ihrer Tonalität. Das weiß der Produkttrainer nicht nur durch die Gespräche zwischen seinen arabischen Nachbarn, die er bei sich zu Hause in Berlin Kreuzberg aufschnappt. Die hören sich für ihn durchaus mal an wie Kriegserklärungen, dabei sind es doch nur heitere Diskussionen über das gestrige Fußballspiel, erzählt er. Um den Tonalitäten der verschiedenen Sprachen besser Rechnung tragen zu können, ist es mit den Acriva Systemen möglich, die Verstärkung an eine von 177 Sprachen individuell anzupassen. Damit sollen sich die sonst notwendigen Anpassschritte für sicheres Sprachverstehen in der Feinanpassung reduzieren lassen, erklärt Wiesner. Mit den Acriva-Systemen hält außerdem REMfitTM Einzug in die Anpassung der neuen Bernafon-Geräte. REMfitTM ist „eine Echtzeit-Integration von in-situ-Messdatenin das Anpassverfahren von Oasis, das ein Umschalten zwischen REM-Modul und Anpasssoftware unnötig macht“. Erst- und Feinanpassung werden hier in einem Prozess kombiniert. Das ermögliche den Akustiker, erklärt Sebastian Wiesner, ein Hörgerät innerhalb von einer Minute in situ ans Ohr zu setzen, so dass man in der Folge weniger Aufwand bei der Feinanpassung betreiben und so auch weniger Folgetermine einplanen muss. Ohnehin, sagt Sebastian Wiesner, seien Messmodule wie eben REM „die Zukunft“.

Im Augenblick ist das MedRX System integriert, das bisher vor allem in Australien weit verbreitet ist. Weitere Messsysteme werden folgen. MedRX ist natürlich auch in Deutschland erhältlich. Neben den beiden Acriva-Reihen wurde auf den Roadshows auch das neue SoundGate 2 präsentiert. Optisch dezent, handlich und benutzerfreundlich soll es die Kommunikation – ob zu Hause oder unterwegs – erleichtern. So kann SoundGate 2 als Schnittstelle zwischen den Bernafon-Hörsystemen und Bluetooth fähigen Mobiltelefonen dienen. Unabhängig davon, ob man gerade die Hände frei hat oder nicht, stellt Soundgate 2 eine Verbindung zum Mobiltelefon her, um zu telefonieren oder auch nur die Musik zu hören, die der User auf seinem Telefon gespeichert hat. Natürlich verfügt das Gerät auch über eine Telefonspule, mit der sich der User mit den Induktionsanlagen etwa im Theater oder in der Kirche verbinden kann. Im Zusammenspiel mit dem Bernafon-TV-Adapter lässt sich zudem der Ton des Fernsehers auf die Hörgeräte übertragen. Unter der Zuhilfenahme des Bernafon-Telefon-Adapters 2 kann man außerdem „komfortable Festnetztelefonate“ von zu Hause oder an seinem Arbeitsplatz führen. Überdies verfügt SoundGate 2 über einen direkten Audioeingang für einen 3,5mm-Stecker. Nach drei Stunden Programm, unterbrochen von einer Kaffeepause, hat Produkttrainer Sebastian Wiesner die Neuheiten der Acriva-Familie den Roadshow-Besuchern vorgetragen.

Er hat theoretisches Wissen vermittelt, Demonstrationen durchgeführt, die Besucher in Tests mit einbezogen und durch gelegentlich eingestreute kleine Gags dafür gesorgt, dass der Nachmittag mehr wurde als eine staubtrockene Veranstaltung. Und so verlassen die Akustiker das Hotel an jenem Montagnachmittag mit diversen Eindrücken von Acriva und einem passendem Werbegeschenk – einem Getränkebecher im Look eines Kamera-Objektivs. Damit lässt sich zwar weder ein visuelles Motiv scharf stellen, noch ein akustisches Signal. Aber für einen kleinen Gag im Büro dürfte es reichen.

Dennis Kraus

Fotos:
Bernafon

Quotations:
„Die Frequenzbreite des Eingangssignals bleibt dabei unverändert und der Klang weiterhin natürlich.“
„Um den Tonalitäten der verschiedenen Sprachen besser Rechnung tragen zu können, ist es mit den Acriva Systemen möglich, die Verstärkung an eine von 177 Sprachen individuell anzupassen.“