Oldenburger Forscherin erhält EU-Spitzenförderung

"Das ziel meiner forschung ist klar, aber es ist ein komplexes vorhaben"


Hörforscherin Prof. Dr. Sarah Verhulst.

Prof. Dr. Sarah Verhulst, Juniorprofessorin im Exzellenzcluster “Hearing4All”, erhält einen mit 1,5 Millionen Euro dotierten „Starting Grant“ des Europäischen Forschungsrats (ERC), das meldete ein Newsletter der Universität Oldenburg Anfang November.

Das Geld soll für die Vergrößerung der Arbeitsgruppe von Sarah Verhulst verwendet werden. Mit der vergrößerten Arbeitsgruppe möchte Verhulst in den kommenden fünf Jahren eine Diagnose und Therapie auch für solche Hörschäden entwickeln, die durch Lärm hervorgerufen und bei bisherigen Hörtests nicht erkannt werden.
 
„Mit einer Einzelförderung des ERC verbindet sich das höchste Prestige für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in Europa“, beglückwünscht Universitätspräsident Prof. Dr. Dr. Hans Michael Piper die 33-jährige Professorin. „Wir freuen uns mit Sarah Verhulst über diese Anerkennung ihrer herausragenden Forschung.“ Die Vizepräsidentin für Forschung und Transfer, Prof. Dr. Katharina Al-Shamery, ergänzt: „Ihre zukunftsweisende Arbeit steht zugleich beispielhaft für die exzellente interdisziplinäre Hörforschung an der Universität.“ In der interdisziplinären Arbeitsweise sieht Sarah Verhulst dann auch selbst „den Schlüssel zum Erfolg“ ihres Projekts. „Das Ziel meiner Forschung ist klar, aber es ist ein komplexes Vorhaben“, sagt die Jungprofessorin für Analyse und Modellierung des auditorischen Systems. Zudem freue sie sich darüber, dass „die EU ebenfalls Hörschäden als drängendes medizinisches und gesellschaftliches Problem sieht, für das wir eine Lösung brauchen“.
 
Aufgrund des immer lauteren städtisch geprägten Lebens und Lebensstils geht Sarah Verhulst von einer wachsenden Zahl bislang unerkannter Hörschäden auch bei jüngeren Menschen aus. In der Forschung ist hier von „hidden hearing loss“ die Rede, also von einem „heimlichen Hörverlust“. Dieser beruhe auf beschädigten Synapsen in der Cochlea und ist bei Tieren bereits physiologisch nachgewiesen. Die sogenannte „Cochlear Neuropathy“ auch bei Menschen zu diagnostizieren, zu behandeln und ihr möglicherweise auch langfristig besser vorbeugen zu können, ist das Ziel von Verhulsts Forschungsvorhaben „RobSpear: Robust Speech Enconding in Impaired Hearing“ (verlässliches Sprachverständnis bei vermindertem Hörvermögen).
 
Für ihre Arbeitsgruppe wird Verhulst je zwei DoktorandInnen und PostdoktorandInnen neu einstellen können, heißt es in dem Newsletter weiter. Im Fokus des Projekts stehen unter anderem die sogenannten Haarsinneszellen im Innenohr und die damit verbundenen Synapsen des Hörnervs. Diese kodieren jeweils bestimmte Aspekte des Klanges. Und erst die Vielzahl an Kodier-Kanälen, die unabhängig voneinander dieselbe Information an das Gehirn übermitteln, macht das Hören auch in lauter Umgebung verlässlich. Bei der „Cochlear Neuropathy“ sollen die Haarsinneszellen allmählich einen Teil der verbundenen Synapsen verlieren, wodurch das Sprachverständnis vor allem bei Lärm abnehme. Die Crux: Weil die Haarsinneszellen selbst intakt bleiben, ließ sich die Hörminderung bisher nicht diagnostizieren. Um künftig eben doch eine verlässliche Diagnose erstellen zu können, will Sarah Verhulst mit ihrem Team auf unterschiedliche Methoden zurückgreifen, um unter anderem aus gemessenen Hirnstammpotenzialen auf die Synapsen des Hörnervs zu schließen. Kombinieren wollen sie dies mit der Messung von otoakustischen Emissionen.