Wenn Akustiker und Kunde an einem Strang ziehen – ein Beispiel

"viele phasen des hörens oder des nichthörens"


Eingangsbild: Der ehemalige Mundharmonikaweltmeister und Kunde Rudolf Stern (links) mit Hörakustikmeister Florian Lehmann

Es gibt keine bessere Werbung als zufriedene Kunden. Doch der Weg dorthin kann steinig und mühevoll sein – selbst wenn Kunde und Hörakustiker an einem Strang ziehen und beide Seiten ihr Bestmöglichstes versuchen. 

Ein Gespräch, das zeigt, dass sich Hörgenuss nicht automatisch einstellt. Audio Infos mit dem ehemaligen Mundharmonikaweltmeister Rudolf Stern und Hörakustikmeister Florian Lehmann.
 
Herr Lehmann, wie schön, dass wir das Gespräch nun nachholen können. Dennoch zu Beginn kurz gefragt: Wie blicken Sie im Nachhinein auf die vergangenen Monate zurück?
Lehmann: Wie bei den allermeisten hat das Virus privat wie auch geschäftlich vieles durcheinandergebracht. Was das Geschäft betrifft, hätte 2020 das Jahr der Wiederversorgungen werden sollen. In Anbetracht der Situation war es rückblickend überraschend erfolgreich. Ich denke, die Entscheidung, im Lockdown aktiv für unsere Kunden da zu sein, hat uns letztendlich sogar eine erhöhte Nachfrage beschert. Von daher sind wir seit April unserer Linie im Großen und Ganzen treu geblieben, lassen die Tür zum Fachgeschäft geschlossen und bieten Anpassungen und Service ausschließlich über exklusive Kundentermine an.
 
Herr Stern, Sie sind langjähriger Kunde von Herr Lehmann. Woher rührt Ihr Hörminderung?
Stern: Begonnen hat alles mit einem Tinnitus, den ich mir 1956 als Jugendlicher durch ein Knalltrauma zuzog. Selbstverständlich ließ ich das damals gleich in der Uniklinik Würzburg untersuchen, eine Lösung fand man jedoch nicht. Das Problem war, dass sich der Tinnitus in Form eines Schwirrgeräusches bemerkbar machte. Man konnte nicht feststellen, auf welchen Frequenzen er liegt. Also versuchte ich, mich notgedrungen daran zu gewöhnen. Das gelang auch zum Großteil. Im Alltag verspürte ich ihn weniger, nur bei Erkältungen oder Schnupfen wurde er oft lauter.
 
Eine Hörversorgung wurde aber nicht vorgenommen?
Stern: Nein, die erfolgte erst viele Jahre später nach einem Hörsturz rechts, den ich 2002 erlitt. Zwar erholte sich das Ohr nach kurzer Zeit, doch durch den Hörsturz verstärkte sich der Tinnitus im linken Ohr erneut, während rechts nachfolgend eine stärkere Hörminderung festgestellt wurde.
 
Wann kam für Sie der Punkt, an dem Sie merkten, dass es mit dem Hören kritisch wurde?
Stern: Besonders deutlich machte sich das im Beruf bemerkbar. Ich war ja sehr lange Lehrer, dann Schulrat und Leiter eines staatlichen Schulamtes und schließlich Leiter eines Seminars zur Ausbildung von Realschullehrerinnen und -lehrern. Obwohl ich immer mit größeren Gruppen zu tun hatte, kam ich über die Schulverwaltung und meine Fortbildungstätigkeit in andere Kommunikations-Situationen. Was lange Zeit gut ging, klappte dann in den Seminarveranstaltungen irgendwann überhaupt nicht mehr. Ich musste entweder passen und nachfragen oder mir erraten, was in dem Moment gerade gesagt worden war. Besonders wenn es darum ging, während der Seminarveranstaltungen ins Gespräch zu gehen, wurde es zunehmend zu einem ernsten Handicap. Als Seminarleiter am Realschulseminar geht so etwas nicht.
 
Wie stellte sich die Situation zu Hause dar?
Stern: Meine Frau ist schon immer sehr feinhörig gewesen. Da darf es nicht zu laut werden. Entsprechend stellte sich mein Handicap vor allem beim Fernsehen heraus. Ich musste laut stellen, sie konnte es nicht ertragen. Bemerkt habe ich es aber auch, wenn ich mit jemandem spazieren gegangen bin und zuhören wollte. In diesen Situationen bin ich immer links von der Person gelaufen, weil ich rechts mehr mitbekam. Uns war klar, dass irgendetwas passieren musste, was in diese Richtung einen Ausgleich geschaffen hätte. Natürlich bin ich des Öfteren zum HNO-Arzt, dem ich erklärt habe, dass ich zu wenig höre. Dennoch dauerte es weitere drei Jahre, bis ich mich dazu entschließen konnte, zum Akustiker zu gehen.


Rudolf Stern war Leiter eines staatlichen Schulamtes und Leiter eines Seminars zur Ausbildung von Realschullehrern/innen

Herr Lehmann, wann haben Sie Herrn Stern kennengelernt?

Lehmann: Ein paar Jahre nach der ersten Versorgung, als die erste Wiederversorgung im Raum stand. Herr Stern war Kunde in meinem einstigen Ausbildungsbetrieb. Er trug hochwertige HdO-Systeme und war von Beginn an mit anständigen Ohrpassstücken ausgestattet. Mein ehemaliger Arbeitgeber legte darauf bereits großen Wert und besaß daher auch ein hauseigenes Labor. Das waren damals meist Ohrpassstücke aus Acryl, die auf klassische Weise handgefertigt wurden. 3D-Druck im Fachgeschäft oder thermosensible Materialien waren zu dieser Zeit noch Wunschdenken.
 
Herr Stern, wie kamen Sie mit den ersten Hörgeräten zurecht?
Stern: Vieles verbesserte sich auf Anhieb. Vor allem in Gesprächssituationen waren sie eine große Hilfe. Dennoch gab es Bereiche, in denen ich nicht zurechtkam. Das war insbesondere der Fall beim aktiven Musizieren oder beim Kirchgang. Zudem gelang es mir in der Zeit selten, die Hörgeräte einen kompletten Tag zu tragen. Durch die starren Ohrstücke verspürte ich spätestens nach vier Stunden einen Druck auf den Ohren, so dass es schmerzte und ich die Hörgeräte für eine Weile herausnehmen musste. Zudem baute sich dabei eine Art Druck im Kopf auf.
 
Sie machen auch Musik?
Stern: Ja, eine große Leidenschaft von mir ist das Mundharmonikaspielen. Ich leite auch zwei Spielgruppen, eine mit sieben Leuten und eine mit 14 Teilnehmern. Damals haben wir mit dem „Seminarorchester” zusammen mit chinesischen Wettbewerbern mit dem Prädikat „hervorragend” einen ersten Platz erspielt und mit ein wenig Glück in Trossingen die Weltmeisterschaft gewonnen. Das war aber noch vor meiner Zeit mit den Hörsystemen.
 
Welches Problem stellte sich beim Spielen mit den Hörsystemen ein?
Stern: Immer, wenn ich Mundharmonika spiele, erzeuge ich ja auch Klänge über die Knochen, vor allem im Kopfbereich. Das heißt, es entstanden immer innere Töne. Das waren Schwirrtöne und Interferenzen, die dazu geführt haben, dass ich nicht mit Gewissheit sagen konnte, ob ich einen Ton getroffen habe oder nicht. All das hat zu skurrilen Situationen geführt, so dass ich bei Gesprächen beim Proben die Geräte einschalten musste, damit ich Leute höre und verstehe. Wenn wir aber gemeinsam Mundharmonika gespielt haben, musste ich die Geräte wieder ausschalten, damit ich eben diese Störgeräusche nicht hatte. Und ich musste sie wieder einschalten, wenn ich was zu sagen hatte. Das war so auf Dauer nicht mehr leistbar und vor allem schade. Ich musste das Problem also möglichst bald in den Griff bekommen – oder ich hätte mit dem Mundharmonikaspielen aufhören müssen.


Hörakustikmeister Florian Lehmann betreut Rudolf Stern seit 2010

Herr Lehmann, ein alt bekanntes Problem. Musik muss man ganz anders anpacken, oder?

Lehmann: Absolut, gegenüber einem Sprachsignal herrscht bei Musik die Situation vor, dass das System eine deutlich höhere Eingangsdynamik verarbeiten können muss. Hierzu sind natürlich eine optimale Otoplastik, die entsprechenden Schallwandler und eine passende Signalverarbeitung durch das Hörsystem Voraussetzung. All dies wurde auch bei Herrn Stern von Beginn an bedacht. Und wenn Probleme auftauchten, haben wir versucht, diese in Griff zu bekommen, beispielsweise indem wir eine sinnvolle Belüftungsbohrung setzten.
Stern: Daran kann ich mich noch gut erinnern. Da sich mit den ersten Geräten nach kurzer Zeit der Druck im Kopf aufbaute, wurde an den Ohrpassstücken eine Bohrung seitlich gesetzt, so dass das Ohr belüftet war. Danach wurde es dann ein Stück besser. Allerdings hatte es den Nachteil, dass der Tinnitus dadurch noch ein wenig verstärkt wurde. Warum das auftrat, weiß ich nicht.
 
Wie sind Sie die erste Wiederversorgung von Herrn Stern angegangen?
Lehmann: Zunächst riet ich Herrn Stern, den Hersteller zu wechseln. Ich hoffte dadurch, dass die Musikautomatik, die damals jung am Markt entwickelt und im neuen System bereits implementiert war, weitere Verbesserungspotentiale gerade in Bezug auf das Musizieren erzielen würde. Natürlich erhielt er auch neue Ohrpassstücke aus Acryl. Und wenn ich mich recht erinnere, war es auch das erste Mal, dass wir mittels In-Situ-Anpasstechnik kontrollieren konnten, welcher Schalldruckpegel am Trommelfell vorliegt. So gut eben, wie es zu diesem Zeitpunkt technisch möglich war. Die heutige Perzentilanalyse gab es damals noch nicht. Dennoch war es damals schon möglich, die Versorgung rückkopplungsfrei zu realisieren.
Rudolf Stern: Das stimmt, der Sprung der Technik vom ersten zum zweiten Gerät half mir weiter. Nichtsdestotrotz blieben viele Situationen extrem schwierig, und ein Musizieren mit Gerät war weiterhin kaum möglich.


Sprachenliebhaber Rudolf Stern wurde 1994 als Teil einer Gruppe Mundharmonikaweltmeister

Was wahrscheinlich viel damit zu tun hat, dass Herr Stern mit der Mundharmonika ein Instrument spielt, das er direkt am Mund führt.
Lehmann: Natürlich spielte das Instrument hier auch eine wichtige Rolle. Die Herausforderung bestand aber vor allem darin, dass anliegende Rückkopplungen häufig durch die klassische Gegenphase ausgelöscht wurden. Wenn dann ein hoher Ton, wie etwa beim Streichinstrument, vorlag, missinterpretierte das Hörsystem das zu häufig, so dass es zu oszillieren begann. Dabei lag gar kein Feedback vor, und im Endeffekt führte das beim Träger zu Artefakten oder tatsächlich zu einem Pfeifen im Ohr.
 
Wie sah dann Ihre Lösung aus?
Lehmann: Im Grunde genommen hatten wir damals nur zwei Optionen. Entweder verschließt man den Gehörgang noch stärker, um den Rückkopplungspfad zu unterbrechen. Das aber hätte dazu geführt, dass die Okklusionseffekte wieder verstärkt aufgetreten wären, die Stimme mehr Resonanzen erzeugt hätte und es wahrscheinlich auch zu Verschlechterungen in Sprachsituationen gekommen wäre. Damals galt noch das Credo, das einige Akustiker heute noch vertreten, so geschlossen wie nötig, und so offen wie möglich zu versorgen. Also bestand der Kompromiss darin, mit einer etwas offeneren und gut belüfteten Otoplastik zu agieren, um die Akzeptanz gegenüber der Versorgung zu erhalten, auch wenn nicht alle Hörsituationen im Endeffekt perfekt gelöst waren.
 
Herr Stern, irgendwann kam es dann zur zweiten Wiederversorgung. Merkten Sie da erneut einen Technologiesprung?
Stern: Richtig, das war 2016. Herr Lehmann riet mir erneut zu einem Herstellerwechsel. Mein Problem mit dem Hören bei gleichzeitigem Musikspielen war ja immer noch präsent. Dieses Mal waren es Geräte, bei denen man den Lautsprecher in den Gehörgang einführt. Das machte wieder einen großen Unterschied aus. Doch viel mehr imponierte mir, dass Herr Lehmann das Problem so wahrnahm, als wäre es sein eigenes. Das zu sehen war für mich schon sehr befriedigend und zugleich erstaunlich.

Lehmann: Wenn man eine neue Hörgerätegeneration zur Verfügung hat, die eine deutlich höhere Eingangsdynamik besitzt, über eine bessere sowie modifizierte Rückkopplungsauslöschung verfügt und in der Lage ist, Musik automatisch anzusteuern, dann ist natürlich auch viel mehr möglich. Das alles war bei den vorherigen Geräten nicht gegeben. Gleichzeitig konnten wir etwas offener versorgen, ohne dass unmittelbar Rückkopplungen entstanden.

Stern: In der Tat verschwanden die Schwirrgeräusche und Interferenzen, die ich beim Musizieren immer hatte, nahezu komplett. Auch konnte ich beim Hören von Musik jetzt viel deutlicher unterscheiden. Zuvor war es mir kaum gelungen, die Töne einer Flöte, Geige oder Oboenstimme mit meinen Hörgeräten zu unterscheiden. Gleiches gilt für den regelmäßigen Kirchenbesuch. Die Stimmen waren zwar immer laut genug, aber stets so hallig, dass ich fast nie etwas verstehen konnte. Diesen Effekt mit den neuen Geräten verspürte ich erst nach ein paar Monaten, als ich im Nachgang neue Ohrpassstücke erhielt.
 
Welche Veränderung haben Sie hier vorgenommen?
Lehmann: Die Lösung kam eigentlich mit der Erfahrung, dass weiche Folienotoplastiken tatsächlich einen Mehrwert bieten können. Diese Lösung konnte ich Herrn Stern lange nicht bieten. Durch meine Selbstständigkeit konnte ich in puncto Otoplastik dann aber vieles optimieren. Durch die Kollaboration mit unserem Partnerlabor bekomme ich nach individueller Absprache nun endlich die optimierten Otoplastiken, die mein Kunde wirklich benötigt. Gerade beim Werkstoff Silikon ist das Erstergebnis für mich sehr wichtig, da die Nachbearbeitung vor Ort schwierig ist.
Stern: Seitdem ich diese weichen, flexiblen Ohrpassstücke habe, habe ich nicht mehr das Gefühl, überhaupt ein Hörgerät zu tragen. Ich spüre sie praktisch nicht. Zuvor gab es immer wieder Situationen, wo ich sie bewegen musste, weil sie einfach schmerzten. Darüber hinaus glaube ich, dass durch die neue Anpassmethode, die Herr Lehmann nun anwendet, noch einmal ein paar zusätzliche Prozentpunkte herausgeholt werden konnten. Denn den Clou schaffte er erst im letzten Jahr. Seither höre ich zum ersten Mal seit Jahren wieder das Zwitschern der Vögel und ich trage inzwischen die Hörgeräte durchgehend von morgens bis abends.


Hörakustikmeister Florian Lehmann machte sich im Mai 2019 selbstständig. Hier mit seinem Team: Ehefrau Nicole Lehmann (re.) sowie Alexandra Joos

Welche Anpassmethode haben Sie genutzt?

Lehmann: audiosus. Ich bin mir sicher, dass es viele Möglichkeiten gibt, Hörsysteme so einzustellen, dass der individuelle Klang- und Sprachbedarf des Kunden realisiert werden kann. Viele Wege führen nach Rom. Ich für mich aber habe herausgefunden, dass erst die Einbeziehung wirklich aller individuellen Kunden- und Hörsystemeparameter durch das Freifeldsystem die Vereinbarung zwischen Sprachverstehen und höchster Klangakzeptanz bietet. Dabei bin ich ein großer Verfechter sowie stetiger Nutzer perzentilbasierter Anpassverfahren. Zusammen mit den vorhandenen Hörsystemen und den Ohrpassstücken aus Silikon war audiosus also der dritte Pfeiler zu einer gelungenen Hörgeräteversorgung bei Herrn Stern.
 
Herr Stern, eine letzte Frage: Was bedeutet für Sie heute Hörqualität?
Stern: Ich habe viele Phasen des Hörens oder des Nichthörens erlebt. Daher ist Hörqualität für mich eine Größe, die es absolut zu pflegen lohnt. Die Hörgeräte selbst haben mir dabei zu mehr Lebensqualität verholfen. All das wäre ohne die professionelle Hilfe von Herrn Lehmann aber nur die Hälfte wert gewesen. Er ist meinen Bedürfnissen oft voraus gewesen in dem Sinne, dass er meine Situation empathisch nachvollziehen und mir Verbesserungen vorschlagen konnte, wo ich noch um Klärung von diffusen Zuständen gerungen habe. Was ich gern hätte, konnte er nämlich stets deutlicher und sprachlich prägnant formulieren, um mir am Ende die richtige Lösung so zu präsentieren, dass ich diese voll und ganz nachvollziehen und akzeptieren konnte. Das ist, wie ich finde, seine individuelle großartige Leistung.
 
Herr Stern, Herr Lehmann, wir bedanken uns für das Gespräch.
 
P. S. Die Fotos, die Rudolf Stern und Florian Lehmann hier zusammen zeigen, entstanden im Februar 2020, genau wie das gemeinsame Gespräch. Für ein Update telefonierte Jan-Fabio La Malfa im Januar dieses Jahres nochmals mit den beiden.