Besser Hören – Im Alter fit bleiben (Teil 4)

Serie


Gutes Hören kann zum Erhalt der körperlichen Fitness beitragen

Wie eine Hörgeräteversorgung zur physischen Fitness beitragen kann – und was das für Sie als Hörakustiker in der Praxis bedeutet.

Wir bei Phonak sind überzeugt, dass es an der Zeit ist für einen neuen Ansatz in der Kundenberatung: weg vom ausschließlichen Fokus darauf, dass jemand Hörgeräte benötigt, um wieder besser zu hören, hin zu einem ganzheitlichen Verständnis dafür, was gutes Hören und eine individuell zugeschnittene Hörversorgung für Betroffene bedeuten können – die Chance auf ein besseres Wohlbefinden.
 
Drei Kerndimensionen unseres Wohlbefindens
Unser Hörsinn spielt in vielen Bereichen unseres Alltags eine zentrale Rolle: Er ist eine wichtige Voraussetzung für die Kommunikation und sozialen Interaktion mit unserem Umfeld. Er leistet einen zentralen Beitrag, dass wir geistig fit bleiben. Und nicht zuletzt trägt er zu unserer Orientierung und dazu bei, dass wir uns im Alltag sicher bewegen. Ein unversorgter Hörverlust bedeutet also viel mehr als schlechter zu hören und zu verstehen – er kann sich negativ auf unser gesamtes Wohlbefinden auswirken.

In der Fachwelt wird ein möglicher Zusammenhang zwischen Hören und Wohlbefinden schon länger diskutiert – und auch erste Studienergebnisse und Metaanalysen deuten darauf hin. Deshalb haben wir von Phonak ein Experten-Panel aus Forschern und Praktikern einberufen, um die aktuelle Studienlage zu bewerten und Empfehlungen für die Hörgeräteversorgung abzuleiten.

Grundsätzlich ist Wohlbefinden eine sehr individuelle Wahrnehmung, und jeder von uns wird etwas anderes darunter verstehen. Die WHO hat für ein gemeinsames Verständnis drei zentrale Dimensionen definiert: sozial-emotional, kognitiv und physisch (Constitution of the World Health Organization, 1947). In der heutigen Ausgabe wollen wir uns genauer mit den physischen Aspekten von Wohlbefinden beschäftigen und konkret die Bedeutung guten Hörens für unsere körperliche Stabilität näher beleuchten.
 
Physisches Wohlbefinden
Physisches Wohlbefinden und körperliche Stabilität im Alter rücken angesichts der demografischen Entwicklung zunehmend in den Fokus. Bis 2050 wird sich die Zahl der Menschen über 65 Jahren verdoppeln, und mehr als jeder Dritte in dieser Altersgruppe wird einen Hörverlust entwickeln. Bei den über 80-Jährigen, deren Zahl sich im gleichen Zeitraum verdreifachen wird, werden sogar bis zu 80 Prozent von Hörverlust betroffen sein (Revision of World Population Prospects UN, 2019). Neben der Wahrscheinlichkeit, einen Hörverlust zu entwickeln, steigt mit zunehmendem Alter auch das Risiko für weitere körperliche Einschränkungen.


Durch Aufklärung zu den physischen Auswirkungen von Hörverlust die Versorgungsentscheidung erleichtern

Risikofaktor Hörverlust

Verschiedene Studien haben in den letzten Jahren einen Zusammenhang zwischen Hörverlust und anderen gesundheitlichen Problemen aufgezeigt: So verdreifachen sich das Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen (Gates et al, 1993) und für Diabetes (Bainbridge et al, 2008), während das Risiko für Augenerkrankungen durch eine Hörminderung um das eineinhalb- fache steigt (Chia et al, 2006).

Sehr gut erforscht ist inzwischen auch der Zusammenhang zwischen Hörverlust und Sturz- risiko. Wie Hörverlust nimmt auch die Anzahl an Stürzen im Alter deutlich zu: Ab einem Alter von 65 Jahren stürzt jeder Dritte einmal pro Jahr, in der Altersgruppe ab 80 Jahren ist es bereits jeder Zweite (Revision of World Population Prospects UN, 2019). Mit zunehmendem Alter fallen auch die körperlichen Folgen von Stürzen gravierender aus: Einer von fünf Gestürzten erleidet Knochenbrüche oder eine Kopfverletzung, die im Krankenhaus behandelt werden müssen. Insbesondere ältere Patienten erlangen danach häufig nicht mehr ihre vollständige körperliche Unabhängigkeit. Allein in Deutschland entstehen so Gesundheitskosten von 3,3 Milliarden Euro pro Jahr, und weltweit verstirbt sogar alle sieben Minuten eine ältere Person an den Folgen eines Sturzes (Balzer, Bremer, Schramm, Lühmann & Raspe, 2012). Zugleich haben Studien gezeigt, dass Menschen mit unversorgter Hörminderung drei Mal häufiger stürzen als andere gleichaltrige Menschen (Lin & Ferucci, 2012).
 
Hörvermögen und körperliche Stabilität
Woran das liegt? Unsere körperliche Stabilität – die Voraussetzung dafür, dass wir beim Gehen, Rennen, Sitzen etc. nicht stürzen – wird durch das Zusammenspiel verschiedener körperlicher Faktoren sichergestellt: Neben der Sehkraft spielen auch die Muskelkraft, unser Gleichgewichtssinn und nicht zuletzt unser Hörvermögen eine wichtige Rolle dafür, dass wir uns stabil und sicher durch den Alltag bewegen. Ist einer dieser Bereiche eingeschränkt oder fällt komplett aus, müssen die anderen Faktoren dies kompensieren.

Da unser Hörsinn sogar in mehrfacher Weise zur körperlichen Stabilität beiträgt – er liefert unter anderem räumliche Informationen, trägt maßgeblich zur Orientierung bei und wirkt sich direkt auf unseren Gleichgewichtssinn aus – ist sein Ausfall besonders schwer auszugleichen und führt besonders mit steigendem Alter zu einer deutlich eingeschränkten körperlichen Stabilität. So wundert es nicht, dass das Sturzrisiko mit zunehmendem Alter und abnehmendem Hörvermögen deutlich ansteigt (Lopez et al, 2011; Lin & Ferucci, 2012; Koh et al, 2015). Dabei erhöht sich das Risiko mit fortschreitendem Hörverlust sukzessive weiter – je 10 dB Hörminderung ca. um das eineinhalbfache (Lin & Ferucci, 2012).
 
Chancen einer Hörsystemversorgung
Neben den Belegen für einen starken Zusammenhang zwischen altersbedingtem Hörverlust und Sturzrisiko nehmen auch die Hinweise für den positiven Einfluss einer Hörversorgung auf die körperliche Stabilität zu (Vitkovic et al, 2016). Wird das Hörvermögen durch eine passende Hörgeräteversorgung wieder weitgehend hergestellt, verbessert sich einerseits die räumliche Orientierung und Zuordnung der Umwelt, was beispielsweise im Straßenverkehr ein wichtiger Sicherheitsfaktor ist und dazu beiträgt, Unfälle und insbesondere Stürze bei Radfahrern sowie Fußgängern zu verhindern.

Ein weiterer wichtiger Vorteil einer Hörgeräteversorgung ist, dass sich Menschen mit einem besseren Hörvermögen im Alltag wieder unabhängiger und sicherer fühlen – und so im Schnitt körperlich mobiler und aktiver sind. Dies wiederum trägt dazu bei, dass die Muskelkraft, die Reaktionsstärke und das Selbstvertrauen erhalten bleiben, die ihrerseits dazu beitragen, Stürze im Alltag zu verhindern. 

Neben einem Sturz- und Motorik-Training, das die WHO für unterschiedliche Alters und Zielgruppen wie Kinder, Schwangere und ältere Menschen empfiehlt, sind sich Experten heute auch über den positiven Effekt einer Hörgeräteversorgung einig, wenn es darum geht, insbesondere bei älteren Menschen mit Hörverlust das Sturzrisiko und daraus resultierende langfristige körperliche Einschränkungen zu reduzieren.


Ina Seel (geb. 1987) ist im Geschäftsbereich Phonak bei der Sonova Deutschland GmbH in Fellbach-Oeffingen bei Stuttgart tätig.

Körperliche Stabilität als Thema in der Hörberatung

Wahrscheinlich haben auch Sie unter Ihren älteren Kunden Menschen, die leider bereits gestürzt sind oder Angst vor Stürzen haben. Mit den wissenschaftlichen Erkenntnissen aus diesem Beitrag möchten wir Sie darin unterstützen, einerseits auf Fragen von Kunden rund um das Thema gezielt eingehen zu können und andererseits die Themen körperliche Stabilität und Sturzrisiko proaktiv in die Beratung einzubauen. So können Sie Ihren Kunden und deren Familien nicht nur die Versorgungsentscheidung erleichtern, sondern auch dazu beitragen, dass Ihre Kunden langfristig körperlich stabil bleiben und sich ihre Unabhängigkeit im Alltag und damit ihre Lebensqualität erhalten können.
 
Weitere Informationen zu Wohlbefinden durch Gutes Hören finden Sie unter:
www.phonakpro.de/wohlbefinden