Christian Honsig im Interview: „Design für Hörgeräte in Reinform”

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Christian Honsig beim Signia Event in München 2019

Ursprünglich hatte das Sivantos-Team geplant, ausschließlich das neue Premiumprodukt „Styletto Connect“ in den Fokus des Signia Event 2019 zu stellen. Doch mit der Bekanntgabe der Europäischen Union, dem Zusammenschluss von Sivantos und Widex zuzustimmen, gab es ein zweites aktuelles Thema, das die knapp 350 anwesenden Akustiker interessierte. Christian Honsig nahm sich am Rande des Signia Events die Zeit für ein Gespräch mit der Audio Infos.

Herr Honsig, in zwei Stunden beginnt das Signia Event 2019. Darf man davon ausgehen, dass „Styletto“ eine Fortsetzung findet?
Nun, dass wir die Geschichte des „Stylettos“ weiterschreiben wollen, konnte man allgemeinhin erwarten. Um genau zu sein, haben wir mit „Styletto“ ja letztes Jahr absolutes Neuland betreten. Jetzt, nach gerade einmal sechs Monaten, stellen wir bereits die Weiterentwicklung vor. Das wesentliche Leistungsmerkmal der neuen Generation erkennen Sie schon anhand des Namens: „Styletto Connect“. Das wird auch Highlight des Events sein. Aber es gibt noch weitere Produktneuheiten, die nicht weniger spannend sind. 

Damit dürften Sie den Wünschen vieler Hörakustiker entgegenkommen. Welche Konnektivitätsfunktionen enthält es?
Im Prinzip enthält „Styletto Connect“ alle Konnektivitätsfunktionen, die man aus unserem Produktportfolio kennt. Entsprechend ist es mit drei Antennen ausgestattet: der für Bluetooth, der für e2e. Sie können die Hörgeräte mit einem iPhone direkt koppeln, um Musik zu hören oder zu Telefonieren. Mit „Streamline Mic“ bieten wir dann sogar Made for All. Made for All ist übrigens auch für die Fernbedienbarkeit über App ganz ohne Zubehör gegeben. Über „Streamline TV“ können Sie den Fernsehton direkt in die Hörgeräte übertragen. Außerdem eröffnet die Bluetooth-Konnektivität auch ganz neue Möglichkeiten, was Ferneinstellung per TeleCare und myHearing App angeht. Themen, die gerade unglaublich gefragt sind, weil sie einen echten Mehrwert bieten. Sie sehen, wenn wir über das Thema Konnektivität sprechen, dann sprechen wir ja mittlerweile über einen unheimlich großen Blumenstrauß an Möglichkeiten. Das erklärt jedoch nicht den besonderen Ansatz, den „Styletto“ bietet, und auch nicht den Grund, weshalb wir diese Funktionen nicht schon vorher bieten konnten.

Und welcher Grund steckt dahinter?
„Styletto“ ist ein Designansatz für den Hörgerätebereich in Reinform. Wir haben uns sehr bewusst alle Design- elemente angeschaut, und das soweit wie möglich an Erlebniswelten angepasst, die Kunden heute haben. Das beginnt mit der Materialauswahl, geht über Farbgebung sowie Formgebung bis hin zu Mobilitätsthemen und der Auswahl des Chargers. Die Spezifikationen des Produktes folgten dabei total der Funktion, einen Designanspruch in die Hörgerätebranche zu bringen. Das bedeutete aber auch, dass wir jedes Bauteil neu entwickeln mussten, unter anderem auch ein neues Antennenkonzept.

Nur zum Verständnis: Sie haben für das „Styletto Connect“ ein neues Antennenkonzept entwickelt, die Chiparchitektur ist jedoch die Gleiche geblieben?
Richtig, „Styletto Connect“ arbeitet mit der aktuellen Nx-Plattform und all den Themen, die noch von dem letzten Launch bekannt sind. Beginnend mit OVP und bestimmten Richtwirkungsmechanismen, die dahinter stehen, bis hin zum speziellen Design. Das war damals ein ganzes Füllhorn, das wir ausgeschüttet haben. Bei „Styletto Connect“ stand nun klar im Vordergrund, die volle Leistungsbandbreite reinzubekommen, die unser Portfolio derzeit hergibt. Anhand des Aufbaus erkennen Sie aber auch, wie aufwendig das alles geworden ist.

Was ist so speziell an diesem Antennenkonzept?
Gute und stabile Konnektivität in allen Lebenssituationen stellt kein triviales Unterfangen dar und es hat schon seinen Grund, weshalb bei uns in Erlangen die zweitgrößte Antennenkammer Europas steht, die größte steht übrigens bei der ESA. Denn wir unterliegen immer den gleichen Restriktionen: Stromverbrauch und Platz. Nachdem die Batterie-Challenge gelöst war, stellte sich die Frage, wie man unter diesen neuen Designbedingungen die notwendigen Antennen hierfür integriert. Die Veränderungen, die Sie nun in der Gehäuseform sehen, sind rein den Funktionalitäten der Antenne geschuldet, um eine perfekte, stabile sowie hochqualitative Konnektivität hinzubekommen. Aus diesem Grund wurden nochmals leichte Veränderungen in der Formgebung und beim Material vorgenommen. Denn das sind alles Aspekte, die Einfluss auf die Leistungsfähigkeit der Antenne und der Konnektivität haben.

Hängt Lifestyle von Konnektivität ab?
Es ist ein wichtiger Aspekt. Ich halte es jedoch für unglaublich wichtig, sich klar zu machen, an welcher Stelle in einem Entscheidungsprozess dieser Aspekt zum Tragen kommt. Denn wir als Konsumenten reagieren immer als erstes auf das Design. Das gilt für alle Produktbereiche; ob für die Apple-Uhr, für Autos oder andere Produkte. Danach folgt erst die Ersterfahrung. Das ist die klassische Situation, die der Träger nach der Erstanpassung erlebt. Aus diesem Grund haben wir damals OVP gemacht. Als drittes wird der Kunde mit der realen Alltagserfahrung konfrontiert und nimmt Nebengeräusche wahr. Die Frage ist also, wie der Kunde reagiert, wenn er mit Störgeräuschen konfrontiert versucht, Nutzschall aus komplexen Hörsituationen herauszuhören. Hier kommt das Thema e2e zum Tragen. Und erst wenn all diese Punkte durchschritten worden sind, kommt der Wunsch auf, sich in gewissen Situationen mit Peripheriegeräten verbinden zu wollen, etwa mit dem Fernseher oder dem Telefon. Natürlich sehen auch wir da eine große Dynamik. Deshalb entwickeln wir ja auch Technologien, die in unterschiedlichsten Situationen zum Einsatz kommen können. Ich halte es jedoch für extrem wichtig, sich stets die Customer-Journey zu vergegenwärtigen und auch in der Ansprache und Beratung des Kunden in der jeweiligen Situation zu reagieren. Dann kriegt man am Ende auch einen hohen Nutzen. Und ein hoher Nutzen ist ein happy Kunde.


„Es ist extrem wichtig, sich die Customer-Journey stets zu vergegenwärtigen", sagt Christian Honsig
Für wen ist Styletto gemacht? Für Babyboomer?
Babyboomer spielen gewiss eine Rolle, es sind aus meiner Sicht jedoch vor allem Menschen, die aktiv im Leben sind. Es sind die Menschen, die sich unabhängig vom Alter in einen ICE hineinsetzen und dabei völlig selbstverständlich einen Film streamen. Das kann man heute bei 42-Jährigen genauso erkennen, wie bei 80-Jährigen. Es nur auf das Alter zu begrenzen, halte ich für schwierig. Und in diesem Bereich gibt es Erwartungen. Manche sind für Kunden akzeptabel, manche nicht. Hier versuchen wir einfach Stück für Stück den Markt zu erweitern und einen früheren Zugang zum Thema Hörgeräte zu ermöglichen. Denn das wissen auch wir: Menschen fangen grundsätzlich gesehen zu spät mit einer Hörgeräteversorgung an. Damit sollten wir uns alle beschäftigen. Was können wir tun, um eine frühere Kundenansprache zu ermöglichen?

Anfang Februar hat Signia zusammen mit dem „Styletto“-Testimonial Manuel Cortez in Berlin ein Fotoshooting initiiert. Wenn man die Teilnehmer des Fotoshooting mit ihren unterschiedlichen Lebensentwürfen so betrachtet, was macht aus Ihrer Sicht Lifestyle aus?
Ich denke, dass jeder seinen eigenen Lifestyle hat. Diesen kann man aber nur dann verwirklichen, wenn alles rundherum funktioniert. Hier spielt unser Thema mit rein. Allerdings kommen wir aus einem Hilfsmitteldenken heraus. Das Wort sagt eigentlich alles aus. Wenn man das jedoch von der anderen Warte betrachtet, dann sprechen wir über Lifestyle. Denn Hörsysteme gestalten das Leben der Menschen. Deshalb sollte jeder, der diese unverzichtbare Technik nutzt und von einem solchen Produkt profitiert, auch stolz auf seine Hörsysteme sein können. Erst wenn Nutzer dieses Fazit ziehen und sagen, dass ein Leben ohne Hörsysteme unvorstellbar wäre, dann sind wir auf dem richtigen Weg. Hierfür ist es notwendig, die Möglichkeiten von Hörsystemen mehr nach vorne zu stellen. Das Tolle an diesem Projekt ist, dass genau das herauskommt. Jeder hat seine eigene Geschichte. Die Teilnehmer des Fotoshootings haben sich stellvertretend für viele andere vor die Kamera gestellt, Lebensfreude sowie Zuversicht ausgestrahlt und andere ermutigt, mitzumachen. Wir wollen dieses spannende Thema aktiv gestalten und antreiben. Aus diesem Grund sind wir auch sehr froh, dass Manuel Cortez dieses Projekt mit seinen Bildern so wunderbar umgesetzt hat.

Passend zum Signia Event äußerte sich vor wenigen Tagen die Europäische Union zum Merger zwischen Widex und Sivantos. Was können Sie uns hierzu sagen? 
Vollzug, um es kurz zu machen. Das war eine lange Reise. So ein Verfahren mit der EU-Kommission zu durchlaufen, ist nicht ganz einfach. Viele Aspekte werden, und sind auch sehr kritisch geprüft worden. Entsprechend sind wir nun sehr glücklich, dass wir einen Merger ohne jedwede Auflage geschafft haben, und das zwischen zwei etablierten Marktplayern, die in der Topklasse mitspielen.

Ändert sich dadurch irgendetwas an den Unternehmenszielen von Sivantos?
Nein, wir haben damals, als wir bei Siemens rausgegangen sind, ein ganz klares Ziel formuliert: die Position des Marktführers wieder einzunehmen. Wir waren die Nummer eins und wir wollen es auch wieder werden. Wenn Sie sich das Konstrukt unseres Mergers anschauen, in dem sich ein starkes Widex und ein starkes Sivantos befinden, dann sind wir einen großen Schritt weitergekommen. Ich finde es großartig, weil es zwei audiologische Pionierunternehmen zusammenführt, die ihre DNA in der Entwicklung von Hörgeräten haben und wissen, wie man Innovationen angeht. Das zusammenzuwerfen kann nur gut gehen.

Wie sieht die Struktur des neuen Mergers aus?
Über beiden Unternehmen steht eine Holding, die WS Audiology. Sie sehen schon anhand der beiden Buchstaben, dass sich darin beide Unternehmen wiederfinden. Man gibt beiden damit aber auch gleichzeitig einen tieferen Sinn mit, indem eine audiologische Verpflichtung drinsteckt. Beide Unternehmen haben eine audiologische Historie. Folglich wird es in Deutschland weiterhin die Signia GmbH wie auch die Widex Hörgeräte GmbH geben. Beide werden unabhängig voneinander aktiv am Markt agieren und werden beide selbständig bleiben. Beide sind seit jeher selbstständig, haben ihre eigene Ausrichtung und ihr eigenes Profil. Daran wird sich nichts ändern.

Was bedeutet das in Bezug auf die Unternehmensform? Wird die Holding auf absehbare Zeit eine GmbH bleiben oder ist eine AG denkbar?
Na gut, was Sie da gerade mit dem AG-Gedanken implizieren, nämlich dass wir die Änderung im besten Fall in eine AG vornehmen würden, ist ein reiner Zukunftsgedanke. Stand heute ändert sich diesbezüglich erst einmal gar nichts. Es steht eine GmbH dahinter. Die Eigentümer hinter beiden Unternehmen sind EQT und die Familien Tøpholm und Westermann, so wie das bisher auch war. Was EQT angeht, sind wir sehr, sehr happy, dass so viel Zuversicht und Vertrauen da ist, ein zweites Engagement zu zeigen. Ich finde es darüber hinaus ein tolles Statement für unsere gesamte Branche, dass ein Private-Equity-Unternehmen länger verweilt, als es mal geplant hatte. Und dass EQT an den Merger glaubt und investiert, zeigt, dass wir in den letzten vier Jahren eine unheimlich dynamische Reise hingelegt haben, die das große Vertrauen in uns rechtfertigt. Diese Reise führen wir nun gemeinsam weiter.

Herr Honsig, wir danken Ihnen für das Gespräch.