Die Audiomanufaktur

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Inhaber Jochen Wied gründete für sein Otoplastiklabor nun das Label die audiomanufaktur. Hier mit seinem Auszubildenen Harald Heine (re.)
Das Hörforum Wied in Ludwigsburg gehört zu den Hörakustikfachbetrieben in Deutschland, die früh begonnen haben, 3D-Druck im eigenen Fachbetrieb zu realisieren und ein eigenes Otoplastiklabor aufzubauen.

Nun ging Inhaber Jochen Wied einen Schritt weiter. Er stellte das Labor auf eigene Beine, gründete den Brand audiomanufaktur und entwickelte ein breites Portfolio für den In-Ear-Monitoring-Bereich. Was verspricht er sich davon? Audio Infos sprach mit Jochen Wied und seinem Partner der ersten Stunde,  Andre Fiedler vom Hörspectrum Fiedler.

Herr Wied, als wir beide das letzte Mal miteinander sprachen, gab es die Audiomanufaktur noch nicht. Weshalb haben Sie sich entschieden, den Laborbereich des Hörforum Wied abzutrennen?
Jochen Wied: Der Begriff der Audiomanufaktur existiert im Grunde genommen von Anfang an. Der eigentliche Unterschied besteht darin, dass wir den Begriff bewusst intern verwendet haben. Wir wollten zunächst sicher sein, dass die Betriebsprozesse in unserem eigenen Labor alle stimmig sind. Dennoch haben wir uns schon damals intensiv Gedanken gemacht, wie wir unsere Labortätigkeit darstellen. Das muss man auch, wenn man sich als Pionier für beste Hörlösungen sieht. Insofern passt der Name Audiomanufaktur zu uns. Es wird sofort deutlich, dass es in jeglicher Hinsicht um das Thema Hören geht. Zugleich wird aber auch herausgestellt, dass es um Manufakturarbeit auf höchstem Niveau geht.

Die Aufgabe der Audiomanufaktur bestand ja anfangs darin, ausschließlich Ohrpassstücke für Hörsysteme zu fertigen. Ist es dabei geblieben?
Jochen Wied: Nein, das würde zu uns auch nicht passen. Ziel und Maßgabe war immer, deutlich an Erfahrung und Know-how in Sachen 3D-Druck zu gewinnen. Und das denke ich, haben wir nach und nach geschafft. Zum einen haben wir personell aufstocken und die Produktionskapazitäten erheblich steigern können. Zum anderen besitzt die Audiomanufaktur heute ein wesentlich größeres Produktportfolio. Durch meine Affinität zum Rennsport war klar, dass wir es nicht bei der Herstellung von Otoplastiken belassen würden. Wir wollen Spaß an der Geschichte haben. Neben der Produktion von Dämmplastiken haben wir uns daher auf die Produktion von individuellen Kopfhörersystemen gestürzt.

Herr Fiedler, Sie sind Partner der Audiomanufaktur und sozusagen Kunde der ersten Stunde. Was hat Sie dazu bewogen, das Experiment mit Jochen Wied einzugehen?
Andre Fiedler: Ich kenne Jochen schon sehr lange. Heute vor allem als Partner in der Audiomanufaktur und Kollege in der ProAkustik. Doch uns verbindet auch beruflich eine gemeinsame Zeit. Denn Jochen war meine zweite Station während meiner Springertätigkeit. Damals habe ich ihn und seinen Betrieb sehr intensiv kennenlernen können. Mittlerweile führe ich selbst zwei Geschäfte in Fürth. Der Kontakt ist aber über die Jahre nie abgebrochen.

Es war also ein Stück weit die freundschaftliche Bindung zu Jochen Wied, die Sie zu diesem Schritt veranlasste?
Andre Fiedler: Das ist mitunter ein Grund, gewiss aber nicht der Entscheidende. Jochen hat mir in der Vergangenheit stets ein wenig weitergeholfen und viele Tipps gegeben. Hinzu kommt, dass wir akustisch wie auch audiologisch sehr ähnlich denken. Da sich die Idee von Anfang an sehr gut anhörte, bin ich 2015 mit einem Mitarbeiter nach Ludwigsburg gefahren, wo wir uns alles sehr genau angeschaut haben. Das hat uns in erster Linie überzeugt und wir sind hochzufrieden, weil wir für unseren Betrieb noch einmal ganz andere Möglichkeiten erhalten, die ein Standardlabor nicht bieten kann. Wie das Wort Audiomanufaktur schon beschreibt: Man erhält maßgeschneiderte Otoplastiken für den Kunden. Entsprechend kam irgendwann auch das Thema In-Ears auf den Tisch.


Seit September erhältlich: die neue In-Ear-Linie der audiomanufaktur

Weshalb ausgerechnet das In-Ear-Monitoring? Was versprechen Sie sich davon?
Jochen Wied: Richtig ernsthaft haben wir uns vor eineinhalb Jahren zum ersten Mal mit diesem Thema befasst. Der Grund bestand darin, dass wir mit den IEM-Angeboten, die der Markt zur Verfügung stellte, nicht glücklich waren. Ähnlich wie bei den Otoplastiken genügten sie entweder nicht den Qualitätsansprüchen, oder bewegten sich in Preissegmenten, bei denen ein Einkauf uninteressant wird. Hinzu kommt, dass ich selbst diesbezüglich ein wenig unflexibel bin. Mittlerweile sind wir es gewohnt, Otoplastiken selbst herzustellen. Wir möchten einfach keine Bestellzettel mehr ausfüllen und dabei hoffen und beten, dass das Richtige ankommt. Wir wollen es einfach selber machen! Warum also kein In-Ear-Monitoring?

Verstehen wir das richtig? Weil der Markt nicht das widerspiegelt, was Sie sich persönlich vorgestellt haben, und Sie keine Bestellzettel mehr ausfüllen wollten, entwickeln Sie eine komplette In-Ear-Linie?
Jochen Wied: Ja, wobei man sagen muss, dass alles natürlich eine Vorgeschichte hat und wir bereits 2009 begonnen haben, spezielle IEM-Produkte für den Motorsport zu entwickeln. Der Schritt zur Musik und zu Musikern war da nicht mehr weit. Entsprechend begannen wir 2016 sowohl für den Consumer-Bereich, als auch für den Profibereich eigene IEM-Produkte zu entwickeln.

Wie groß ist dieses Produktportfolio?
Jochen Wied: Der Consumerbereich umfasst die Produkte „one“, „styler“, „active“, „dreamer“ oder „rebell“ und sollen in allen möglichen Bereichen zum Einsatz kommen. Das können Sportler/innen sein, oder Leute, die solche Produkte unter einem Helm tragen wollen, wie etwa bei Motorradfahrern oder beim Eishockey. Die Kopfhörer sind aber auch für jedwede andere individuelle Anwendung gedacht. Die Profischiene bilden dann die Produkte „artist“ und „racer“, die in zahlreichen Ausführungen erhältlich sind. Sie sollen ambitionierte Musiker und Motorsportler ansprechen.

Wie sehr nutzen Sie, Herr Fiedler, das Konzept des Hörforum Wied für sich?
Andre Fiedler: Wir wenden uns mittlerweile ausschließlich an die Audiomanufaktur. Nur in extrem wenig Fällen greifen wir extern auf ein herstellereigenes Produkt zurück. Das gilt für alle Bereiche inklusive der In-Ears. Und wir bereuen diesen Schritt auf keinen Fall! Zum einen erhalten wir eine unheimlich große Flexibilität, zum anderen erhalten wir immer ein sehr individuelles Design, das auf unsere Kunden zugeschnitten ist. Ich kann mich nun für In-Ears ganz anders begeistern. Früher war das Thema nicht zufriedenstellend, weil es an einem vorbeilief. Kunden kamen oftmals nur, um eine Abformung zu nehmen. Bestellen aber wollten sie ihr In-Ear-Monitoring irgendwo anders. Das war in der Vergangenheit ein Punkt, für den wir nichts Richtiges in der Hand hatten. Teilweise war es aber auch so, dass wir nur ein gefährliches Halbwissen auffahren konnten. Das, obwohl wir die Experten für das Ohr sind.


Partner der ersten Stunde in der audiomanufaktur und Kollege
in der ProAkustik: Hörakustikmeister Andre Fiedler vom Hör-
spectrum Fiedler 

Wie drückt sich dieser Unterschied aus?
Andre Fiedler: Ich kenne ja Jochens Aktivitäten im Rennsport schon einige Zeit. Die Erfolge sprachen für sich. Als Hörspectrum Fiedler sah ich für mich die Chance, den Kunden einfach eine spannende Alternative bieten zu können. Denn ich stelle fest, dass sich der Bereich IEM in den letzten Monaten unheimlich stark weiterentwickelt hat. Man muss das Thema nur ansprechen. Ich bekam plötzlich aus meinem Freundeskreis Anfragen, mit denen ich gar nicht rechnete. Musikgenuss in hoher Qualität ist nicht nur für Musiker/innen interessant. Uns ist klar geworden, dass sich sehr viele Nutzer nicht mit Standardkopfhörern zufriedengeben, sondern individuelle Produkte auch zum Joggen und im Alltag anwenden wollen.

Wenn Sie so viele Produktlinien entwickelt haben, wodurch unterscheiden sich diese?
Jochen Wied: Wir haben ein System für Einsteiger entwickelt, das sehr angenehm ist, weil es einen sehr breitbandigen Klang hat. Es ist für den Consumer-Bereich gedacht und soll für diejenigen sein, die gerne Musik hören, viel telefonieren oder reisen. Darüber hinaus haben wir drei verschiedene 2-Wege-Systeme, ein 3-Wege-System und ein 4-Wege-System entwickelt, die sowohl für den Consumer-Bereich, als auch für die Profis zum Einsatz kommen. Wir arbeiten aber an weiteren Systemen mit 5- und 6-Wegen, die in Kürze verfügbar sein werden. Sämtliche Produkte werden individuell angepasst und sind zu vertretbaren Preisen erhältlich.

Bieten Sie auch Standardprodukte an?
Jochen Wied: Unsere Planung sah dies ursprünglich nicht vor. Mittlerweile hat sich eine Zusammenarbeit mit der Firma Mipro, dem weltweit drittgrößten Hersteller für InEar-Funkstrecken ergeben. Für Mipro haben wir ein eigenes Produkt aufgelegt, das zum Testen von Funkstrecken und als optionale Erstausrüstung von Mipro direkt an die Musiker geliefert wird. Diese kann der Musiker bei unseren Partnern gegen Aufpreis in ein individuelles System umbauen lassen.

Wozu sind verschiedene 2-Wege-Systeme notwendig?
Jochen Wied: Jeder soll Musik auf die Weise genießen können, die er mag, und das ist eine absolute Geschmackssache. Das eine System eignet sich vielleicht mehr für einen Pianisten, das nächste für einen Bassist und das dritte für einen Schlagzeuger. Ich würde aber nie behaupten, dass mehr Treiber oder größere Lautsprecher einen besseren Klang erzeugen. Denn der Klang von Lautsprechern kann sehr unterschiedlich empfunden werden. Wir haben uns verschiedene Lautsprechersysteme angehört und überlegt, mit welcher akustischen Ankopplung, Lagerung, Schallableitungen und mit welchem Grundvolumen in den Otoplastiken ein optimaler Sound abgebildet werden kann. Hierfür haben wir die Zusammenarbeit mit Musikern gesucht, mit denen wir schon lange in Kontakt stehen. Wir haben zig Varianten gebaut, bis wir den Standard erreicht hatten, den wir heute haben. Der Klang muss einfach zum persönlichen Geschmack passen.


Auszubildener Harald Heine spielt auf den Drums...(li.) / ...um Audio Infos-Autor den Unterschied zwischen Livespiel und MP3-Sounddatein bei den In-Ears aufzuzeigen (re.)

Das Konzept der Audiomanufaktur umfasst so etwas wie ein Soundstudio. Sollte jeder Partner darüber verfügen?
Jochen Wied: Der Grund, weshalb wir uns ein Soundstudio eingerichtet haben, bestand darin, dass wir unsere Produkte vorantreiben wollten. Hierfür haben wir uns mit einer Vielzahl an Musikern ausgetauscht. Darunter waren Profi- und Studiomusiker, aber auch ein Dozent von der Fachhochschule Stuttgart für Drumspiel. Die wertvollste Rückmeldung, die wir erhalten haben, war stets die, dass jeder ein anderes Empfinden hat. Doch ohne die Ausstattung, die ein Musiker auf der Bühne nutzt, lässt sich dies nur schwer nachvollziehen. Sich vorproduzierte Stücke aus der Konserve anzuhören, ist daher definitiv nicht zielführend. In unser Soundstudio bringt man entweder sein Instrument mit oder nutzt eines, das wir zur Verfügung stellen können. Wer mag, kann sogar seine Band mitbringen, hier proben, die verschiedenen In-Ears anhören und sich für das passende Produkt entscheiden. Die klassische Beratung entfällt, da der Kunde durch das Probehören genau sagen kann, was für ihn das Beste ist.

Lohnt sich denn der Aufwand?
Jochen Wied: Ja! Wir hatten Ende September zu unserem ersten In-Ear-Brunch eingeladen. Bei dieser Veranstaltung hatten die über 50 teilnehmenden Musiker die Gelegenheit, unsere Systeme live zu testen und sich über In-Ear-Funkstrecken und PA-Equipment von Klang Vier zu informieren. Die Rückmeldungen und die daraus entstandenen Ideen zur Weiterentwicklung waren überwältigend. Für Partnerbetriebe werden wir anbieten, solche Veranstaltungen mit unserem Equipment bei ihnen vor Ort durchzuführen.

Welches Feedback erhalten Sie denn bei den In-Ears?
Andre Fiedler: Bis jetzt habe ich ausschließlich positive Rückmeldung bekommen. Die Kunden sind zunächst einmal überrascht, dass ein solches Know-how beim Hörakustiker zu finden ist. Viele wissen nicht, dass sich Akustiker mit diesem Thema auskennen. Oft höre ich von Kunden, wenn sie es früher gewusst hätten, wären sie schon viel früher zu uns gekommen. Aber wie Jochen das eben schon gesagt hat: Bei diesem Produkt ist eine hohe Flexibilität einfach notwendig und man benötigt auch verschiedenste Systeme, die vom Klang her eher in unterschiedliche Richtungen gehen. Jeder Nutzer hat seine Präferenzen. Die individuelle Wahrnehmung ist es, die es so schwer macht, vorab zu sagen, ob ein gewisses Produkt für einen Kunden geeignet ist.

Wie groß ist das Netzwerk, das Sie mit der Audiomanufaktur bedienen und steht es jedem offen?
Jochen Wied: Wir pflegen innerhalb unseres Netzwerkes, dem sich bislang fünf weitere Betriebe angeschlossen haben, einen sehr intensiven Austausch. Dort sprechen wir nicht ausschließlich über Otoplastiken und IEM-Produkte, sondern wir diskutieren über nahezu alle Geschäftsbereiche. Das ist ein kleiner überschaubarer Rahmen, den wir allerdings auch nicht überreizen wollen. Das bedeutet in Bezug auf die Audiomanufaktur, dass wir im Bereich der Ohrpassstücke nicht wesentlich größer werden wollen, um unsere Qualitätsstandards zu halten. Zudem wollen wir mit Betrieben zusammenarbeiten, die uns fordern, eigene Vorstellungen besitzen, die uns aber auch entsprechende Rückmeldungen geben. Denn Ziel sollte es sein, stets die perfekte Otoplastik an den Partner abzugeben. Insofern wird sicherlich für den einen oder anderen noch Platz sein. Dass wir aber 20 oder 30 weitere Betriebe in unser Netzwerk aufnehmen, ist eher auszuschließen.


Viele Produkte können mit steckbaren oder fest verbautem Bluetootzh-System gefertigt werden (li.) /  Die In-Ear-Linie kam auf Anhieb so gut an, dass sich die Firma Mipro, der weltweit drittgrößte Hersteller für InEar Funkstrecken, bei Jochen Wied meldete (re.)               

Und in Bezug auf die In-Ear-Monitorings?
Jochen Wied: Beim Thema In-Ear-Monitoring sieht es anders aus. Hier wollen wir wachsen und sind nun auf der Suche nach weiteren Partnern. Jeder Partner der Audiomanufaktur arbeitet sehr intensiv mit. Das bedeutet: Wenn Andre ein In-Ear in der Audiomanufaktur bestellt, dann ist es auch so, dass er sich miteinbringen kann, indem er in den gesamten Ablauf miteingebunden wird. Fertigung und Herstellung erfolgen hier in Ludwigsburg, könnten aber auch beim Akustiker vor Ort passieren. Falls ein Partner Lust hat, selbst zu bauen und zu finishen, sind wir dafür offen und können ihm den Print und die Bauteile liefern, um es selbst herzustellen. Wir planen auch Schulungen dazu anzubieten.

Wie wichtig ist für Sie als Partner der Austausch innerhalb des Audiomanufaktur-Netzwerkes?
Andre Fiedler: Der Austausch und die Partnerschaft sind einer der wichtigsten Punkte. Allein das man jemanden über die Schulter schauen kann und über ein Modelling spricht, vermittelt einem wieder ein ganz anderes Gefühl für das Thema. Das ist leider in großen Teilen verloren gegangen, weil man nach dem 0815-Verfahren eine Otoplastik bestellt. So aber erhält man wieder einen anderen Blick auf das Ohr. Man bleibt nie an einem Punkt stehen, kann sich aktiv zu Themen einbringen und man entwickelt eigene Vorstellungen, wie ein Ohrpassstück oder ein In-Ear auszusehen hat. Zudem kann man dem Kunden zeigen, wie viel Dienstleistung hinter der gesamten Thematik steckt und kann ihn komplett anders einbinden. Uns hat die Audiomanufaktur geholfen, diesen Blick wieder zu schärfen und das Know-how für das Modelling in den Betrieb zu bekommen. Ich bin mir sicher, dass das auf Dauer gesehen für sehr viele Hörakustiker ein ganz wichtiges Thema werden wird.

Meine Herren, Audio Infos bedankt sich für das Gespräch!