Torben Lindø: „Wir wollen das IdO Segment attackieren”

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"Wir freuen uns, dass wir Opn' nun auch als IdO anbieten können." Torben Lindø in der Hamburger Oticon-Niederlassung

Seit Ende August gibt es das Oticon „Opn” auch als IdO in allen Bauformen: vom IIC bis zum Concha. Doch damit nicht genug. Darüber hinaus kündigt der Hersteller mit der „Siya”-Produktfamilie in zwei Ausführungen neue Hörsysteme für das mittlere Preissegment an. 

Obendrein ist in der „Oticon ON”-App nun eine „HearingFitness”-Funktion zu finden. Was es mit der auf sich hat, womit die „Siya”-Systeme punkten und welche Erwartungen mit dem Start der „Opn”-IdOs verknüpft sind, darüber sprachen wir mit dem Geschäftsführer der Oticon GmbH, Torben Lindø, und der Produktmanagerin Dr. Birgitta Gabriel.

Herr Lindø, Frau Dr. Gabriel, Oticon steht als Marktführer in Deutschland derzeit sehr gut da. Was war Ihrer Meinung nach nötig, damit Oticon diese Position einnehmen konnte?
Torben Lindø: Sicher haben wir den Anspruch, in Deutschland Marktführer zu sein und zu bleiben. Allerdings ist es für mich persönlich noch wichtiger, dass wir uns als Organisation immer weiter entwickeln und fachlich und menschlich die richtigen Schritte für die Zukunft machen. Denn wir wollen unseren Kunden immer bessere Lösungen anbieten. 

Wir hätten jetzt erwartet, dass Sie den Erfolg vor allem dem „Opn“ zuschreiben … 
Torben Lindø: Natürlich ist der Erfolg von „Opn“ mit über 1 Million verkaufter Hörgeräte an begeisterte Kunden überragend. Das war für uns selbst als Marktführer eine Premiere. Es zahlt sich sicher aus, dass wir seit Jahrzehnten die Entwicklung aller unserer Produkte mit unserem eigenen Forschungszentrum in Eriksholm begleiten und vorantreiben. Aber „Opn“ allein ist nicht für den Erfolg verantwortlich: Ein weiterer Grund unseres Erfolges ist die breite Produktpalette, mit der Hörakustiker flexibel viele Kundensegmente bedienen können. Und letztendlich spielen unser Service wie auch der Support eine große Rolle für unseren Erfolg.

Bleiben wir noch etwas beim Thema Markt. Wie bewerten Sie die geplante Fusion von der Sivantos-Gruppe und Widex?
Torben Lindø: Generell hat das aus der Sicht der beiden Unternehmen einen klaren Vorteil und somit bin ich über diese Ankündigung nicht überrascht. Die Auswirkung in Deutschland wird abhängig von der konkreten Umsetzung sein. Und man muss abwarten, was das für die einzelnen Marken bedeutet.

Fühlen Sie sich als Gruppe durch die so erstarkende Konkurrenz noch stärker unter Druck gesetzt?
Torben Lindø: Wir haben schon heute großen Respekt vor beiden Unternehmen, die gemeinsam sicher noch stärker sein werden als einzeln. Aber wir sind gut aufgestellt. Die William Demant Gruppe (WDH) hat über die Jahre auch einige Firmen akquiriert, darunter Hörgeräte-Hersteller und Unternehmen aus der Mess- technik wie Interacoustics, Maico oder MedRX. Nicht zu vergessen Oticon Medical, wo wir gerade mit Cochlea-Implantaten richtig starten. Wir decken so sämtliche Bereiche ab und fürchten den Vergleich mit unseren Wettbewerbern nicht.


Stellte der Audio Infos u.a die "HearingFitness" -Funktion der "OticonOn" -App vor: Dr. Brigitta Gabriel (Foto: Oticon)

Wie hat sich der Markt in Deutschland generell aus Ihrer Sicht entwickelt?
Torben Lindø: Mit Blick auf 2018 habe ich gemischte Gefühle. An der Oberfläche ist der Markt ziemlich ruhig und lediglich das Thema DSGVO bewegt viele. Zudem herrscht eine gewisse Unsicherheit, was die Zahlen angeht. Einige Statistiken sprechen von 5 Prozent Wachstum – andere von Stagnation. Fakt ist, dass in Deutschland eine schwere Grippewelle im ersten Quartal herrschte. Und während der Hitzewelle mit bis zu 40 Grad im Juli und August waren die Menschen eher am Badesee oder zu Hause vorm Ventilator, anstatt zum Hör- akustiker zu gehen. Ich gehe somit davon aus, dass die Nachfrage in den kommenden Monaten ansteigen wird. 

Wie haben sich Ihre Absatzkanäle entwickelt? Auf die werfen Sie ja aus diversen Gründen einen genaueren Blick …
Torben Lindø: Wir haben – wie unsere Mitbewerber auch – die verschiedenen Absatzkanäle stets im Blick. Natürlich werden weiterhin Geschäfte verkauft, doch das beeinflusst aktuell nicht unsere Strategie. Wir sehen unsere Kernkompetenz nach wie vor in der Arbeit mit den Hörakustikern. Falls unsere Absatzmöglichkeiten in Gefahr sind, werden wir dem nicht ewig zuschauen, sondern unsere Strategie überdenken. 

Sie hatten eben die ebenfalls zur WDH gehörenden Unternehmen Maico und Interacoustics erwähnt. Im Frühling haben Sie mit beiden Unternehmen mehrere Messtechnik-Seminare veranstaltet. Welches Potenzial sehen Sie in Ihrem Schulterschluss mit den Messtechnik-Herstellern?
Torben Lindø: Dabei erreichen wir Synergieeffekte. Bei den Seminaren haben unsere Kunden ganz konkret die Vorteile der Zusammenarbeit erlebt. Bei den Herausforderungen, vor denen unsere Kunden im Fachgeschäft stehen, ist Messtechnik jetzt und erst recht zukünftig eine wichtige Ergänzung. 

Sie haben uns eine weitere Neuigkeit verraten: Die WDH-Gruppe hat Anfang August veröffentlicht, dass sie fortan mit der Marke Philips zusammenarbeiten wird. Was versprechen Sie sich von der Nutzung der Marke Philips?
Torben Lindø: Die beiden Gesellschaften haben eine Lizenzvereinbarung getroffen, nach der William Demant nun auch Hörsysteme unter der Marke Philips herausbringen und vertreiben darf. Dabei profitiert William Demant von dem weltweit bekannten und guten Namen von Philips und wird weitere Marktsegmente und Kundengruppen erobern können. 

Was bedeutet dies für den deutschen Markt?
Torben Lindø: Wir haben von der WDH-Gruppe einen Spielraum bekommen. Das heißt, wir werden strategisch die Möglichkeit für den deutschen Markt gründlich prüfen und dann entscheiden, ob und wie wir die Marke Philips einsetzen. 

Lassen Sie uns auch über die neuen Produkte aus Ihrem Hause sprechen. Ende August kam in Deutschland Ihr State of the Art-Gerät „Opn“ in den IdO-Bauformen auf den Markt. Welche Erwartungen verknüpfen Sie mit diesem Start?
Torben Lindø: Wir freuen uns, dass wir „Opn“ nun als IdO anbieten können. Der Marktanteil von IdOs liegt in Deutschland immerhin bei rund 10 Prozent. Die technologische und audiologische Entwicklung macht es möglich, dass der Kunde sich nun, mit den neuen IdOs, nicht mehr zwischen Baugröße und Klangqualität entscheiden muss. Denn die Komponenten, die wir im „Opn“-IdO verbauen, sind um bis zu 40 Prozent kleiner als vorher. Wir gehen deshalb davon aus, dass die kleinsten „Opn“-IdOs, die IICs, für mindestens 50 Prozent aller Gehörgänge geeignet sind! Ab der Bauform CIC haben wir sogar eine binaurale Signalverarbeitung, bei den Kanal- und Concha-Geräten bieten wir optional die 2,4 GHz-Technologie an. 


Torben Lindø im Gespräch

Inwiefern unterscheidet sich die hier verbaute Technik von der in den RIC- und HdO-„Opn“-Systemen? 

Birgitta Gabriel: Die IIC- und CIC-Geräte haben ein Mikrofon, während RIC- und HdO Geräte sowie die Kanal- und Concha-Geräte über zwei Mikrofone verfügen. Der OpenSound Navigator arbeitet in verschiedenen Stufen, von denen einige Zwei-Mikrofon-Technologie nutzen. Das heißt, bereits ab Kanal-Geräten hat der Nutzer, das belegen Studien, alle Vorteile eines HdOs. Bei den IICs und CICs mit einem Mikrofon hat man durch den natürlichen Pinna-Effekt Vorteile beim Richtungshören und Verstehen. Ab der Bauform CIC bieten wir eine binaurale Signalverarbeitung an. Im Unterschied zu den Vorgänger-IdOs haben wir bei IICs und CICs nun einen größeren Anpassbereich bis 85 dBHL, so dass sogar Kunden mit mittelgradigen Hörverlusten von den kleinsten IdOs profitieren können. 

Auch für Sie als Hersteller sind die Prozesse beim Anbieten von IdOs sicherlich aufwendiger. Wie haben Sie sich für die „Opn“-IdOs aufgestellt?
Torben Lindø: Wir sind sehr gut vorbereitet. Wir haben in die Produktion investiert, unsere Prozesse optimiert und fleißig „geübt“. Wir wollen dieses Marktsegment attackieren, um dieselbe Position zu erreichen, die wir bei RICs und HdOs haben. 

Wie handhaben Sie die Abdrücke? 
Torben Lindø: Wir erhalten Abdrücke physisch oder digital. Unser Kundenservice hat ein Team, das ausschließlich auf IdOs spezialisiert ist, und auch auf die Qualität des Abdrucks achtet.

Bieten Sie die technischen Komponenten der „Opn“-IdOs auch einzeln an, so dass man sich im Fachgeschäft selbst die Schalen drucken und die Technik einbauen kann?
Torben Lindø: Früher war das noch möglich, aber inzwischen ist die Platzierung der Komponenten gerade bei der 2,4 GHz-Technik hochkomplex und nur mit einer sehr teuren Ausrüstung möglich. Deshalb übernehmen wir diese Aufgabe, um die erwartete Qualität sicherzustellen. 

Wie unterstützen Sie Ihre Kunden außerdem zum Start der „Opn“-IdOs?
Birgitta Gabriel: Zum Beispiel mit dem neuen IdO-Konfigurator. Mit diesem Beratungswerkzeug kann man die typischen Kombinationen aus Bedienelementen, Konnektivität oder Batterie konfigurieren und dem Endkunden dann Bilder zeigen, wie sein Wunsch-IdO am Ohr aussehen würde. Die Bilder sind für eher kleine, mittlere und eher große Ohren vorhanden. Der Konfigurator steht im Rahmen der Online-Beratungssoftware auf www.opn-beratung.de/ido-konfigurator zur Verfügung.

Neben den „Opn“-IdOs wird Oticon auch neue Produkte für die Mittelklasse auf den Markt bringen …
Torben Lindø: Auf dem High-End-Markt überzeugen wir mit „Opn“. Jetzt legen wir in der Mittelklasse nach, weil sich eben nicht jeder ein Premium-Gerät leisten möchte. „Siya 1“ und „Siya 2“ heißen die beiden neuen Produkte, die, wie „Opn“, auf dem Velox-Chip basieren. Natürlich unterscheiden sich „Opn“ und „Siya“ bei den Features und sind eine logische Ergänzung, die bisher im Mittelpreissegment nicht vorhanden war. Das Preis-Leistungs-Verhältnis ist somit sehr gut, vor allem mit Blick auf die Klangqualität. Bei „Siya“ kann der Hörakustiker von Beginn an alle Bauformen anbieten. Für Akustiker ist es außerdem gut zu wissen, dass das „Opn“-Zubehör mit „Siya“ kompatibel ist und auch die Anpass-Software die gleiche sein wird. Damit ermöglichen wir einen reibungslosen und erfolgreichen Start mit diesen Produkten. 


"In die Produktion investiert, Prozesse optimiert und fleißig geübt"

Setzen die „Siya“-Geräte auch auf ein 360°-Hören, oder arbeiten Sie hier wieder mit klassischer Direktionalität?
Birgitta Gabriel: Die „Opn“-Technologie bleibt exklusiv für „Opn“. Bei „Siya“ arbeiten wir mit modernster adaptiver Direktionalität. Kunden kommen hier in den Genuss einer Richtmikrofontechnologie in 15 unabhängigen Frequenzbändern. Diese arbeitet basierend auf der Velox-Plattform extrem schnell und präzise. Das Klangerlebnis ist toll. 
Torben Lindø: Wir wollen, dass die „Siya“-Geräte die besten ihrer Klasse sind und haben diese daher mit ausreichend Funktionen ausgestattet. Selbstverständlich werden wir auch für „Siya“ wie gewohnt umfangreichen Support bereithalten. Es wird Beratungsbroschüren geben, POS-Material, Anzeigenvorlagen etc. Und natürlich sind die „Siya“-Geräte auch auf der aktuellen Oticon Tour ein Thema.

Lassen Sie uns auch über Tele-Audiologie sprechen. Einige Ihrer Wettbewerber haben bereits Angebote hierzu im Programm. Sie hingegen kündigen zunächst die „Hearing Fitness“-Funktion für die „Oticon On“-App an. Lassen Sie die Tele-Audiologie links liegen?
Torben Lindø: Für uns ist die Tele-Audiologie eine logische Entwicklung im Zuge der Digitalisierung. Wir arbeiten bereits mit einigen Akustikern an einem Konzept und Produkt der Tele-Audiologie, das unsere Kunden in ihrer Arbeit unterstützt. Sie dürfen gespannt sein.

Noch davor wird die „HearingFitness“-Funktion für Ihre App kommen. Was hat es damit auf sich?
Birgitta Gabriel: Bei „HearingFitness“ geht es darum, dass Endkunden ermutigt werden, eigenverantwortlich ihr Hören mit Hörgeräten zu optimieren. So können sie über die Funktion „HearingFitness“ zum Beispiel das Ziel verfolgen, die Hörgeräte täglich immer eine bestimmte Zeitlang zu tragen. „HearingFitness“ zeichnet z.B. die tägliche Tragedauer auf und gibt dem Endkunden eine Rückmeldung, wie nah er seinem selbst gesetzten Ziel gekommen ist. Oder „HearingFitness“ zeigt an, welche Programme wie oft genutzt wurden. Richtig spannend wird es dann zukünftig, wenn die Daten aus „HearingFitness“ mit anderen Gesundheitsdaten verknüpft werden, die immer mehr Menschen mit ihren Smartphones regelmäßig aufzeichnen. Über eine Auswertung dieser verknüpften Daten könnte man z.B. sehen, dass Menschen, die sehr aktiv sind, sehr oft dieses oder jenes Hörgeräteprogramm verwenden. Oder inwiefern Höranstrengung über den Tag und Schlafgüte zusammenhängen. Es geht also gerade um Verknüpfungen verschiedener Informationen – natürlich geschieht das alles unter Einhaltung sämtlicher Datenschutzgesetze. 

Demenz ist in aller Munde – können Hörgeräte denn wirklich zur Prävention eingesetzt werden?
Torben Lindø: Hier ist ein Blick auf eine Studie zur Demenzprävention wichtig, die „The Lancet“ Ende 2017 veröffentlicht hat. Für die Studie wurden sehr viele Daten analysiert um herauszufinden, in welcher Altersstufe Menschen aktiv etwas gegen die Entwicklung einer Demenz tun können. Die Studie zeigt, dass man etwa 30 Prozent der Demenzfälle mit eigenem Verhalten verhindern könnte. Und ein Faktor ist hierbei der Wichtigste …

… sagen Sie nicht, es ist das Hören …
Torben Lindø: Doch. Die Behandlung einer Hörminderung im mittleren Lebensabschnitt ist mit 9 Prozent noch gewichtiger als sich gesund zu ernähren, sich zu bewegen oder mit dem Rauchen aufzuhören etc. Das gute Hören ist also die größte Stellschraube in der Demenzprävention, die jeder selbst in der Hand hat. Deshalb ist die „HearingFitness“-Funktion der „Oticon ON“-App auch so gut. Sie unterstützt die Endkunden dabei, etwas für ihre Gesundheit zu tun. 

Frau Dr. Gabriel, Herr Lindø, wir danken Ihnen für das Gespräch.