"Wir haben die Grenze zwischen CI und Hörsystem aufgelöst"

status quo bei advanced bionics


Hansjürg Emch (li.), Group Vice President Medical der Sonova AG, und Daniel Westphal, Leiter AB-Partnerprogramm in Deutschland und Österreich

Hansjürg Emch ist Group Vice President Medical der Sonova AG. Bevor er 2011 die Geschäftsleitung von Advanced Bionics übernahm, arbeitete der gelernte Elektroingenieur 14 Jahre lang im Orthopädie-Bereich für das amerikanische Medizintechnikunternehmen Synthes. 

Doch welche Zukunft steuert er mit Advanced Bioncs an? Audio Infos besuchte Hansjürg Emch am Sonova Unternehmenssitz in Stäfa und sprach mit ihm über den aktuellen Stand bei AB.

Herr Emch, Advanced Bionics wird häufig als amerikanisches Unternehmen wahrgenommen, das Teil der Sonova Holding ist. Würden Sie dem zustimmen?
Nein, eher nicht. Es ist schon richtig, dass die Wurzeln von Advanced Bionics in den USA liegen. Rein rechtlich ist AB aber ein Schweizer Unternehmen.

Wie kam es zur Gründung von AB?
Als Unternehmen wurde Advanced Bionics genau vor 25 Jahren gegründet. Die Entwicklung der ersten Implantate fand jedoch viel früher statt. Hier ist vor allem das Team rund um Professor Schindler in San Francisco zu nennen. Die wirkliche Gründung einer Firma mit dem Ziel, ausschließlich Cochlea Implantate zu entwickeln, die dann auch von der FDA zugelassen werden und weltweit vermarktet werden können, erfolgte erst einige Jahre später mit der Gründung von Advanced Bionics in Los Angeles.

Sie feiern also ein kleines Jubiläum. Wäre denn die Behauptung falsch, dass AB aus einem Silicon-Valley-Gedanken hervorgekommen ist?
Sicherlich nicht. AB ist ein Unternehmen mit den für kalifornische Verhältnisse typischen Eigenschaften. Es hat eine gewisse Genialität, ist sehr kreativ und pflegt ein sehr starkes out-of-the-box-thinking. Der deutschsprachige Raum ist eher dafür bekannt, dass er Dinge seriös zu Ende führt und auch die letzten 20 Prozent aus einer Sache herausholt. Ohne diese schweizerische Gründlichkeit unterliefen AB in den frühen Jahren trotz genialer Technologie die typischen Fehltritte eines kalifornischen Start-up-Unternehmens.

Die worin bestanden?
Nachdem AB das FDA Approval bekommen hatte und das Business lief, verkaufte Al Mann (der Gründer) 2004 das Unternehmen an Boston Scientific. Grund hierfür war, dass das Unternehmen neben den Cochlea Implantaten damals ebenso ein Neurostimulationssystem entwickelt hatte, an dem Boston Scientific Interesse besaß. Das galt jedoch nicht für die CIs, sodass das Business nicht so fortgeführt wurde, wie sich Al Mann das einst vorgestellt hatte. Es gelang ihm, das Unternehmen drei Jahre später zurückzukaufen. Als Sonova 2009 Advanced Bionics übernahm, war dieses in gewissen Schlüsselbereichen dann zurückgefallen. 

Und dadurch hat AB sehr viel Zeit verloren?
Das ist sicherlich richtig. Überdies kostete es Vertrauen. Anhand der Geschichte von AB wird deutlich, wie es im CI-Markt überhaupt zu einer solchen Marktverteilung kommen konnte. Wenn man sich fragt, weshalb der Marktanteil von Cochlear so groß ist und AB sich den Rest mit den anderen Wettbewerbern aufteilt, dann hat das in unserem Falle sicherlich nichts damit zu tun, dass unsere Technologie heute nicht wettbewerbstauglich ist. Im Gegenteil. Ich denke, dass unser System in vielen Belangen den Produkten anderer Anbieter überlegen ist. Daher bin ich unheimlich stolz, dass wir in den letzten sieben Jahren sehr viel Vertrauen zurückgewonnen haben. 

Wie würden Sie die heutigen Stärken Ihres Unternehmens beschreiben?
Es sind vor allem die Einflüsse aus den verschiedenen Kulturen, die sich bei AB ideal ergänzen. Auf der einen Seite haben wir mit unserem Sitz in Kalifornien, an dem sehr viel entwickelt und geforscht wird, unseren wichtigsten Standort. Auf der anderen Seite besitzt AB heute die Präzision eines Schweizer Unternehmens. Beides ist enorm wichtig für die Qualität, wie auch die Zuverlässigkeit der Produkte.

Wo werden die Produkte von AB entwickelt?
Großteils findet Forschung & Entwicklung nach wie vor in den USA statt, da sich über die Hälfte der 1000 Mitarbeiter, die Advanced Bionics weltweit beschäftigt, am Standort Los Angeles befinden. Wir haben aber auch Forschungs- und Entwicklungszentren in Europa. Zum einen in Hannover, zum anderen hier in Stäfa, wo sich eine Abteilung innerhalb unseres großen Hörgeräteentwicklungsteams ausschließlich um Cochlea Implantate kümmert. Zusätzlich haben wir enge Forschungszusammenarbeiten mit wichtigen Kliniken auf der ganzen Welt.

Wenn über künftige Potenziale und Produkte im CI-Bereich gesprochen wird, dann fallen immer wieder die Namen Oticon Medical und Advanced Bionics. Dies geschieht oft mit der Begründung, dass beide Unternehmen vergleichsweise viel in Forschung und Entwicklung investieren können. Wo genau zeigen sich derzeit diese Stärken?
(lacht) Zunächst einmal liegt diese sicherlich darin, dass wir dank der Zusammenarbeit mit Phonak Lösungen bieten können, die es unseren Kunden erlaubt, das Maximum für beide Ohren herauszuholen, unabhängig davon, ob das Ohr akustisch, elektrisch oder kombiniert unterstützt wird. Das war nur durch das Integrieren des Front-End-Processing, das Phonak zur Verfügung stellt, möglich. Denn ziemlich lange hat sich die CI-Industrie praktisch ausschließlich darauf fokussiert, wie ein akustisches Signal in eine elektrische Stimulation des Hörnervs umgesetzt und besser gemacht werden kann, sodass der Patient möglichst naturnah hört. Die Hörgeräteindustrie jedoch hat ihre Energie darauf verwendet, wie aus einem akustischen Signal so Informationen herausgefiltert werden können, dass nur das gehört wird, was man auch wirklich hören möchte. Diese beiden Expertisen bringen wir zum ersten Mal seit 20 Jahren mit dem neuen Naída-Prozessor zusammen.

Wie genau bildet sich das im Produktportfolio ab?
Zum Beispiel im Bereich der Bimodalität, den wir neu definieren konnten. Denn bis vor zwei Jahren handelte es sich hierbei stets um zwei unabhängig agierende Systeme. Das führte dazu, dass Kunden oft das Hörgerät beiseitegelegt haben, weil es einfach nicht passend mit dem CI korrespondiert hat. Harmonisierte Volumenjustierung, Programmsetting oder dynamisches Verhalten fehlten. AB konnte in der jüngeren Vergangenheit ein integriertes System entwickeln, das einerseits einfach zu Programmieren ist, anderseits sämtliche Front-End-Features von Phonak enthält, wie etwa Stereozoom, Zoom-Control oder ein Windgeräuschmanagement. Die Nutzer dieser bimodalen Systeme hören wirklich phantastisch und es ist auch interessant, wie viele vor allem ältere Kunden positiv auf das neue Angebot reagieren. An solchen Beispielen zeigt sich, dass wir die Grenze „das ist ein CI“ und „das ist eine Hörsystemlösung“ auflösen konnten.

In anderen Worten: Das Front-End-Processing ermöglicht Ihnen ein vollumfängliches System, das beide Herangehensweisen beachtet.
Ja, so könnte man das auch sagen. Phonak hat mit der neuen Chipgeneration viel Aufwand betrieben, damit eine direkte Bluetooth-Verbindung zu jedem Mobiltelefon möglich ist. Das wiederum reduziert die Entwicklungskosten für AB und schafft Synergieeffekte. Das ist ein riesiger Vorteil. 

Wenn wir schon beim Thema Konnektivität sind: die aktuelle Naída-Generation bietet das schon?
Die wird in relativ kurzer Zeit für unsere Kunden erhältlich sein. Es wird aber noch ein wenig dauern, bis wir es offiziell einführen. Hierfür wird auch kein neuer Prozessor erforderlich sein. Nutzer, die bereits einen Q90-Prozessor haben, können ihr Gerät so updaten, dass sie zu diesen Technologien Zugang haben.

Und das ist auch nicht vom Implantat abhängig?
Nein. Das ist sicherlich ein weiterer Vorteil von AB. Wir haben eine extrem leistungsstarke Implantate-Plattform. Der Chip verfügt über eine enorme Rechenkapazität, die wir heute noch gar nicht voll nutzen. Es gibt zwar den Effekt, dass wir ein wenig mehr Strom benötigen als andere verfügbare Konkurrenzprodukte. Doch wir sind gerade dabei, durch neue Codierungsstrategien den Stromverbrauch unserer Prozessoren zu halbieren. 

Kann man solche Entwicklungsschritte auf Elektrodenseite noch erwarten?
Ich denke, dass noch jede Menge Verbesserungspotentiale in der Elektroden-Technologie stecken. Zum einen können wir diese künftig nicht nur kleiner, dünner und flexibler gestalten, damit sich der chirurgische Ablauf weiter vereinfacht. Es gibt auch weitere interessante Möglichkeiten. Beispielsweise könnte man diese auch als Vehikel zur Medikamentenabgabe nutzen. Oder man denke beispielsweise an die Elektrocochleographie. Diese soll dem Chirurgen während der Operation ermöglichen, den Hörnerv akustisch zu stimulieren und dies elektrisch zu messen. Sollte das Elektropotential plötzlich abfallen, so kann der Chirurg das Einführen der Elektrode stoppen und gegebenenfalls die Elektrode neu justieren. Das ist heute bereits in der klinischen Entwicklung. Das Hoffnungsvolle dabei ist, dass mit dieser Methode zum ersten Mal ein Chirurg die Elektrode nicht mehr blind einführt und damit die Wahrscheinlichkeit des Restgehörerhalts stark ansteigt.


"AB hat eine gewisse Genialität, ist sehr kreativ und pflegt ein sehr starkes out-of-the-box-thinking" sagt Hansjürg Emch

Worauf werden sich Endkunden und Hörakustiker zum EUHA-Kongress freuen dürfen?
Gewiss wird die Nachricht, dass wir gerade eine neue Cochlea-Implantat-Elektrode vorgestellt haben, auch zum EUHA-Kongress noch viele erfreuen. Aufbauend auf unserer Plattform HiRes Ultra haben wir einen neuen Magneten entwickelt, der die Besonderheit aufweist, dass er sich an den Magnetlinien eines externen Magnetfeldes dreidimensional orientiert. Der eigentliche Magnet besteht dabei aber aus vier zweidimensionalen Rollen, die in einem Ring eingebettet sind und sich drehen können. Bis dahin gibt es auf dem Markt nur Magnete, die sich um die eigene Achse drehen können. Im Hinblick auf MRT-Untersuchungen muss sich der Patient daher künftig keine Sorgen mehr machen. Der Magnet muss weder entfernt, noch durch Druckverband abgedeckt werden. Und auch Kopfbewegungen sind möglich. Eine wirkliche Innovation, wenn man bedenkt dass Magnetresonanzuntersuchungen zunehmend der Standard in der bildgebenden Diagnostik werden.

Sie sagten zuvor, dass die Grenze zwischen CI- und  Hörsystemlösung aufgelöst sei. Glauben Sie, dass die Produktwelten noch stärker miteinander verschmelzen werden?
Ja, absolut. Der degenerartive Prozess des Hörverlustes verläuft in der Regel sehr langsam, aber fast nie simultan auf beiden Ohren. Ein Ohr baut früher ab, als das andere. Deswegen werden im Laufe der Zeit immer stärkere Hörsysteme benötigt und irgendwann kommt der Punkt, an dem man über ein CI nachdenken sollte. Wichtig dabei ist, dass der Kunde während diesem Prozess von einer Vertrauensperson beraten wird, die sich sowohl über Hörgeräte als auch über CI-Systeme auskennt. Erst dann ist der Kunde optimal beraten und bekommt das bestmögliche Hören von beiden Ohren.

Stichpunkt Austausch mit Kliniken. Wie gehen Sie in dieser Hinsicht vor?
Die Qualität unserer Forschungszusammenarbeit ist bei AB nicht standortabhängig. In Los Angeles beispielsweise hatten wir noch nie einen starken Forschungspartner. Unser Bestreben besteht allerdings auch darin, mit den führenden forschenden Kliniken zusammenzuarbeiten. Das klappt schon recht gut. In den USA arbeiten wir beispielsweise sehr eng mit der Massachusetts Eye&Ear Infirmary in Boston zusammen. In Deutschland wiederum kooperieren wir mit allen führenden Kliniken. Die Ergebnisse dieser Kooperationen mit den verschiedenen Kliniken führen wir dann in unserem europäischen Forschungszentrum in Hannover zusammen. Von dort aus wird auch die Zusammenarbeit koordiniert.

Welche Rolle sollte der Hörakustiker im Versorgungsprozess spielen?
Ich denke, dass die große Stärke der Hörakustiker darin besteht, eine Offenheit für die CI-Technologie zu besitzen, und dabei zu wissen, welche Technologie für einen Kunden wirklich geeignet ist. Darüber hinaus ist der Hörakustiker sehr flexibel in der Zusammenarbeit mit der Klinik seines Vertrauens. Und wie jeder andere Kunde auch brauchen CI-Träger ebenso Upgrades, regelmäßige Anpassung und neues Zubehör. Doch unabhängig von den rein technischen Aspekten kommt noch ein weiterer Punkt hinzu.

Welcher?
Hörakustiker bauen eine jahrelange persönliche Beziehung zu ihren Kunden auf. Aus diesem Grund bin ich mir auch so sicher, dass Hörakustiker 80 Prozent der Probleme, die im Alltag bei CI-Trägern auftauchen, lösen können. Sollte wirklich mal ein größeres Problem auftreten, dann schickt der Hörakustiker den Kunden mit Gewissheit zurück in die CI-Klinik. Wenn heute ein CI-Träger ein Problem mit TV-Anbindung hat, geht dieser häufig in die Klinik, die unter Umständen 100 km von seinem Wohnort entfernt ist. Das ist doch verrückt! Dieses Modell wird in der Zukunft keinen Bestand haben.

Weil die Kapazitäten der Kliniken ausgeschöpft sind oder weil sich die Anforderungen und Möglichkeiten der CI-Träger ändern?
Beides. Wenn heute ein CI-Träger etwa eine App näher erklärt haben möchte und konfrontiert damit einen Audiologen, so hat dieser gewiss keine Zeit dafür. Das ist aber auch nicht seine Aufgabe. Zudem sind Audiologen keine Verkäufer, die Interesse haben, ein Geschäft zu tätigen. Womöglich kann er aber auch den Patienten mit all den Möglichkeiten, die der Markt zur Verfügung stellt, gar nicht vollends aufklären. Das aber ist doch die klassische Aufgabe des Hörakustikers. Daher werden wir in Zukunft unsere Fitting-Software so gestalten, dass diese sich mehr an dem orientiert, was der Hörakustiker gewohnt ist. In Zukunft wird man alles aus einer Maske heraus steuern können, die auf einem zwei-Stufen-System basiert. Eine Maske, bei der der Hörakustiker ausgewählte Parameter selbst einstellen kann, ohne Gefahr zu laufen, eine Überstimulation vorzunehmen. Und eine zweite Maske wäre dann nur für die Audiologen in den Kliniken bedienbar.

Haben Sie 2014 aus dieser Begründung heraus auch das Partner-Programm gegründet?
Richtig. Umso mehr freuen wir uns, dass das Programm in Deutschland und Österreich so gut angekommen ist und wir mehr als 100 feste und verlässliche Partner gewinnen konnten. Das ist, nebenbei bemerkt, auch der Grund, weshalb wir begonnen haben, das Programm europaweit auszubauen. Die Erfahrungen bewogen uns aber auch Anfang dieses Jahres dazu, eine Segmentierung innerhalb der Partner vorzunehmen. 

Wie erklären Sie sich, dass Hörakustiker oftmals bei der CI-Versorgung mit Vorbehalten zu kämpfen haben?
Ich bin zwar kein Experte für den deutschen Markt, aber das ist doch rein menschlich. Man hat oft Vorbehalte gegenüber Dingen, die man nicht kennt. Wir sehen aber, dass dort, wo Partnerschaften eingegangen werden, diese auch ins Laufen kommen und funktionieren. 

Ist Deutschland in Bezug zu anderen Ländern in der Vorreiterrolle?
Ein klares Ja. Kein Markt ist auf Produkt- wie auch auf der Geschäftsmodellseite so innovativ wie Deutschland. Aus diesem Grund ist er für uns auch so wichtig, dass unsere neuen Servicekonzepte und die Verbesserungen in der Zusammenarbeit zwischen Kliniken und Hörakustikern zunächst in Deutschland ausprobiert werden.

Schließlich ist Deutschland ja auch der weltweit größte Markt.
Nicht ganz. Wenn man davon ausgeht, dass weltweit derzeit 65.000 CIs pro Jahr verkauft werden, dann ist der amerikanische, aber auch chinesische Markt größer. In den USA werden derzeit etwa 13.000 CIs abgesetzt, in China sind es etwa 8.000 bis 9.000 Stück. Deutschland kommt zurzeit auf circa 4.000 Stück. Dabei erhalten in China nur Kinder ein CI. Dass man Erwachsene standardmäßig implantiert, gibt es nur in Europa und Amerika.

Herr Emch, wir bedanken uns für das Gespräch! 

Mehr zum Partnerprogramm von Advanced Bionics erfahren Sie in Heft 214 im Februar kommenden Jahres.