Christian Honsig im Interview: „Was erwarten unsere Kunden von morgen?“

"Kernkompetenzen nicht aus den Augen verlieren"


Christian Honsig im Gespräch mit Dennis Kraus

Einen Tag, bevor Signia in Hamburg das „Pure Charge&Go Nx“ offiziell vorstellte, empfing Christian Honsig zum Gespräch. Ein guter Zeitpunkt, um mit dem Geschäftsführer der Sivantos GmbH nicht nur eine erste Bilanz unter den Start der Marke Signia zu ziehen. 

Auch das neue Produkt sowie allgemeinere Branchenthemen kamen zur Sprache.  

Herr Honsig, vor rund zwei Jahren startete die Marke Signia. Wie beschreiben Sie den Status quo der Marke heute?
Als wir damals sagten, dass wir uns von der Siemens AG lösen und eine eigene Reise beginnen wollen, gab es ja durchaus Bedenken und Fragen. Im Rückblick war es aber die absolut richtige Entscheidung. Wir haben die Unabhängigkeit bekommen, die wir uns gewünscht hatten, und die auch unser Antrieb war. Natürlich mussten wir dafür das Ganze mit Leben füllen, schließlich ist eine Marke nur so stark wie ihr Inhalt. Aber wenn ich nun auf diese beiden Jahre zurückblicke, dann sehe ich eine ganz große Leistung, die unser Team erbracht hat. Ich würde sogar sagen, dass wir heute viele Dinge stärker leben als unter Siemens. Das kann man zum Beispiel daran sehen, dass wir mit CATS unsere Ausrichtung nun auf vier Säulen stellen und das Hörsystem nicht allein sehen, sondern unsere Kernkompetenzen erweitern. Und das ist nur ein Symbol für das, was in den letzten beiden Jahren bei uns passiert ist. Zudem haben wir nicht mit unserer Vergangenheit gebrochen, was mir sehr wichtig ist. Wir waren 130 Jahre lang Siemens – dieser Tatsache haben wir alles zu verdanken, was wir heute sind. Aber natürlich müssen wir mit der Zeit gehen. Ich möchte hier in Hamburg keine Parallelen zum Fußball ziehen, aber mancher Verein zeigt, dass man mit einer Änderung der Strategie Großes erreichen kann. Das würde ich auch auf uns anwenden.
 
Wie beschreiben Sie, Stand heute, das Profil von Signia? Wofür steht die Marke?
Das erste wichtige Wort ist hier selbstständig. Wir sind ein selbstständiges Unternehmen, das selbstbestimmt agiert. Zudem sind wir neugierig und können durch die Stabilität unseres Teams auch „out of the box“ denken, wie man so schön sagt. Außerdem verfügen wir über Traditionsbewusstsein, worauf wir zwar sehr stolz sind, aber worauf wir uns nicht mehr verlassen. Unser Blick ist nach vorne gerichtet. Es geht darum, was wir heute brauchen und was morgen – und wie wir mit unseren Fähigkeiten dahin kommen. Das ist zwar anstrengend, aber es macht wach und aufmerksam und bringt Spaß.
 
Sie verweisen auf Ihr Traditionsbewusstsein und betonen gleichzeitig Ihren Blick in die Zukunft. Was aus Ihrer Tradition behalten Sie bei? Und welche neuen Schwerpunkte setzen Sie unter Signia?
Organisatorisch ist Erlangen nach wie vor das Herz der Entwicklung, Stichwort German Engineering. So haben wir viel in den Standort Erlangen investiert, eben weil wir einen Schwerpunkt weiterhin auf der Audiologie haben. Nur geht es nun noch darüber hinaus. Das sind dann etwa Fragestellungen, wie die Serviceleistungen oder die Energieversorgung künftig aussehen werden. So kommen wir zu den Einführungen von TeleCare und den induktiv aufladbaren Lithium-Ionen-Akkus. Diese Themen sind nun etwas weiter in den Vordergrund gerückt, als das früher der Fall gewesen wäre.
 
Sie haben eben Erlangen als das Herzstück der Entwicklung bezeichnet. Das Hauptquartier des Unternehmens befindet sich aber weiterhin in Singapur, oder?
Ja. Wir sind ein globales Unternehmen und bauen unsere Kernkompetenzen da auf, wo sie am meisten Sinn ergeben. So sitzt das Management in Singapur, unsere IdO-Fertigungen befinden sich in China und Polen und das Herzstück unserer Research & Development-Abteilung sitzt in Erlangen. Dass das so ist, stimmt mich sehr froh, denn wir wissen alle, dass Deutschland ein sehr hoch entwickelter Markt mit hohen Ansprüchen ist. Dazu kommt der Austausch mit unseren Kunden sowie mit Forschungseinrichtungen und Hochschulen, der uns ebenfalls sehr wichtig ist.
 
Wie gewichtig sind die Rollen dieser Forschungseinrichtungen und Hochschulen, mit denen Sie einen Austausch pflegen? Und wer sind die?
Oldenburg spielt eine wichtige Rolle, das Fraunhofer Institut ebenfalls. Im klinischen Bereich haben wir zum Beispiel eine sehr gute Kooperation mit der Uniklinik Erlangen sowie den Universitäten Erlangen und Regensburg. Dazu kommen die Verbindungen, die diese Einrichtungen haben. So entspannt sich schnell ein Mikrokosmos von Experten rund um den Globus.


Christian Honsig, Geschäftsführer der Sivantos GmbH

Neben den innovationsgetriebenen Themen haben Sie für Signia auch das Ziel formuliert, eine jüngere Zielgruppe zu erreichen. Wie sind Sie beim Verfolgen dieses Ziels in den zwei Jahren vorangekommen?
Hier gibt es zwei Blickwinkel. Aus dem einen geht es um die Frage, wie wir die Kunden unserer Kunden früher erreichen können. Da geht es um diese berühmten sieben Jahre vom Erkennen des Hörproblems bis zum Handeln. Müssen das wirklich sieben Jahre sein? Aus dem anderen Blickwinkel betrachtet geht es um die Frage, was diese jüngere Zielgruppe davon abhält, das Problem früher zu lösen. Dazu kommt außerdem die Frage, was die überhaupt suchen. Da stößt man auch auf Wearables und Hearables. Nur: Wo ist die Grenze zum Consumer-Markt? Denn da wollen wir nicht hin! Wir sind ein Hersteller von Medizin-Produkten, B2B-Partner und arbeiten mit den Hörakustikern im Fachhandel zusammen. Und dennoch müssen wir uns fragen, was unsere Kunden von morgen erwarten. Hier sind wir als Hersteller gefordert, Lösungen zu entwickeln und unsere Kunden wiederum sind gefordert, diese Lösungen zum Nutzen der Kunden anzupassen. Gelingt uns das, schaffen wir es auch, Endkunden früher anzusprechen.
 
Sie gehen davon aus, dass sich die Bedürfnisse der Endkunden ändern werden?
Die Kunden von heute sind noch nicht die typischen Nutzer von Smartphones oder Online-Lösungen. Schauen wir uns aber die heute 65-Jährigen an, die gerade aus ihrem Berufsleben kommen, werden die sehr wahrscheinlich durch ihre Arbeit schon digitalisiert sein. Und schauen wir uns diejenigen an, die heute Ende 50 sind, dann werden sie kaum noch jemanden finden, der kein Smartphone besitzt oder Reisen und Konzertkarten nicht online bucht. Denen müssen wir gerecht werden. Ich möchte, zusammen mit den Hörakustikern, an der Stelle stehen, an der wir denen Lösungen anbieten können. Das ist eine große Herausforderung. Da geht es einmal um unsere Produktpipeline, aber auch um die Kommunikation. Welche gemeinsame Sprache in Richtung Endkunden wird die richtige sein? In welchen Medien müssen wir für diese Kommunikation unterwegs sein? Das werden wir alles verstehen müssen, um bei den Endkunden letztlich eine Kaufentscheidung herbeiführen zu können.
 
Ihr Anspruch, so sagten Sie uns mal, ist es auch, im Premium-Bereich Ton und Tempo mitzubestimmen. Inwieweit ist Ihnen das bisher gelungen?
Das lässt sich gut unter CATS zusammenfassen. Audiologisch ist uns mit dem Dual Processing zum getrennten Verarbeiten der eigenen Stimme und den anderen Signalen eine Meisterleistung gelungen. Auf den Feldern der Konnektivität, der Streaming-Qualität oder beim Stromverbrauch sind wir ebenfalls präsent. Natürlich ist nicht immer alles von Anfang an auf dem gleichen Level. Aber das Zusammenspiel dieser verschiedenen Bereiche mit der Audiologie als Herzstück sind die Themen, die am Markt diskutiert werden. Und diese Themen bedienen wir mit einer ziemlich hohen Geschwindigkeit. Das werden Sie auch morgen bei der Präsentation unseres nächsten Produkts sehen.
 
„Pure Charge&Go Nx“, das neue Produkt, das Sie ansprechen, soll all die spannenden Entwicklungen aus Ihrem Hause vereinen. Welche Merkmale sind hier die für Sie wichtigsten?
Auf der diesjährigen CES wurde gesagt, dass die Hersteller von Hearables nun sechs Stunden Streaming anbieten könnten. Das können wir schon lange. Oder wenn man sieht, wie komplex wir Situationen erkennen und wie gut wir Stimmen detektieren können – vergleichen Sie das mal mit Alexa oder Siri, was die bei der Sprachidentifikation leisten und schauen Sie sich dann an, was wir mit OVP können. Wir bringen nicht nur Dinge zusammen, sondern müssen auch den Vergleich anderen Branchen nicht scheuen. So haben wir nun etwas in der Hand, womit wir problemlos mit dem Hearable- und Wearable-Markt in Konkurrenz treten könnten – wenn wir das wollten. Aber wir wollen unserer Branche treu bleiben. Ich denke, „Pure Charge&Go Nx“ ist so groß, dass Sie heute jeden Hörgeräteträger anschreiben können, um ihn einzuladen, es auszuprobieren, weil es in puncto Lebensqualität jeden nach vorne bringt.
 
Zum Start von Signia haben Sie noch auf ein Doppelbranding gesetzt. So stand auf den Produkten sowohl Signia als auch Siemens drauf. Davon rücken Sie nun ab, richtig?
Mit dem Start von Nx haben wir begonnen, nur noch den Markennamen Signia zu nutzen. Wir sind nun sehr klar und frisch, so wie auch schon unser Messestand auf dem EUHA-Kongress war.
 
Das „Pure Charge&Go Nx“ bieten Sie mit Lithium-Ionen-Zellen an. Auf dem letzten Kongress war zu beobachten, dass die meisten Ihrer Wettbewerber auf eine Silber-Zink-Lösung setzen, geht es um wiederaufladbare Hörsysteme. Wo sehen Sie die Vorteile der Lithium-Ionen-Technologie?
Man ist immer gut beraten zu schauen, wie die großen Trends aussehen. Wenn ich mir etwa die Akku-Entwicklung im Automobilbereich anschaue, oder Smartphones, Smartwatches etc. – es gibt doch heute keine Komponente mehr, die nicht mit Lithium-Ionen-Akkus arbeitet. Das wird unsere Branche nicht auf den Kopf stellen können. Allein die Top 5 Hersteller von Geräten mit Akkus verbauen pro Jahr 7 Milliarden Lithium-Ionen-Zellen. Das ist also eine sehr erfahrene, erprobte Technologie, an der viele Player längst an der Weiterentwicklung arbeiten. Für uns ist es technologisch, von der Energieeffizienz und von der Userbility her also das Beste, was wir am Markt bekommen können, vor allem, wenn ich den Akku auch noch induktiv lade. Die Aufgabe, die wir nun haben, ist, das Thema Wiederaufladbarkeit grundsätzlich im Markt breiter zu machen – und das auch als die nächste Standardtechnologie für unsere Branche zu definieren. Den nächsten Schritt werden wir auf dem diesjährigen EUHA begehen.
 
In puncto Konnektivität haben Sie nach wie vor die Trennung von iOS und Android?
Bis dann hoffentlich das einheitliche Bluetooth Low Energy Protokoll kommt, leider ja. Bei Android-Geräten müssen wir solange noch mit Interfaces arbeiten.
 
Wie handhaben Sie hier das Energiemanagement? Was können Sie als Hersteller beitragen, den Energiebedarf niedrig zu halten?
Natürlich ist Streaming ein leistungsstarkes Merkmal, das letztlich die gesamte Technologie auch auf den Kopf stellt. Um dabei den Energiebedarf so niedrig wie möglich zu halten, muss man eine saubere Architektur haben. Hier kommt uns zugute, dass wir unsere Chips selbst designen und für uns herstellen lassen. Außerdem haben wir inzwischen eine patentierte Antennentechnik, die uns ermöglicht, mit wenig Energie arbeiten zu können. Vorher hatten wir nur die Möglichkeit, entweder eine größere Antenne zu bauen oder den Energiebedarf zu erhöhen, was beides schwierig ist …
 
In Bezug auf die myControl-App war im Vorfeld von Möglichkeiten der Personalisierung die Rede. Was lässt sich für das „Pure Charge&Go Nx“ personalisieren?
Hier gibt es zwei Varianten. In der einen können Nutzer selbst Einstellungen vornehmen. In der anderen geht es um TeleCare. Hier kann nun der Akustiker dieses Tool gegenüber seinem Kunden personalisieren. Ein Fachgeschäft hat ja auch sein Look & Feel. Das kann er nun auch in diese White-Label-App einbringen, schließlich findet der Service, die Anpassung, zwischen Akustiker und Endkunde statt. Darum ist das sinnvoll.


"Die Kernkompetenzen nicht aus den Augen verlieren"

Über die Einstellungsmöglichkeiten der App bekommen Endkunden mehr und mehr in die Hand. Ist das immer im Sinne Ihrer Kunden?

Das ist ein Balanceakt. Wir alle sind es ja gewohnt, mehr und mehr selbstbestimmt zu sein und mehr für uns selbst vornehmen zu können, anstatt auf Vorgefertigtes zurückzugreifen. So ist das auch hier – allerdings nur in einem gewissen Rahmen. Wir können Möglichkeiten dazu einräumen, aber wir dürfen nicht die Kontrolle aus der Hand geben. Die Hoheit über diese Medizinprodukte liegt nach wie vor beim Akustiker. Aber was diese Möglichkeiten für den Endkunden angeht, so denke ich, dass die die Akzeptanz der Produkte steigern können. Denn am Ende ist es ein Teil seiner Einstellung. Kann er die beeinflussen, steigert das nur die Akzeptanz.
 
Sehen Sie in dieser Entwicklung, auch mit Blick auf das Berufsbild des Hörakustikers, einen Knackpunkt? Und wie sehen Sie dieses Berufsbild in der Zukunft?
Die Frage stellt sich den Hörakustikern, genau wie sie sich uns stellt. Ich denke, das ist eine Frage des Selbstverständnisses. Demnach ist es unser Job, Hörsysteme zu entwickeln und zu bauen, während es der Job der Akustiker ist, sich um die Akustik, um die Anpassung zu kümmern. Diese Aufgaben, in denen ja auch unsere Kernkompetenzen liegen, dürfen wir nicht aus den Augen verlieren. Gleichzeitig müssen wir immer versuchen, Trends frühzeitig zu identifizieren und für uns umzusetzen. Dabei dürfen wir nicht zu schnell sein, denn das würde nichts bringen. Aber wir dürfen auch nicht zu langsam sein.
 
Wenn Sie sagen, man dürfe nicht zu schnell sein: Wir haben manchmal den Eindruck, die Industrie ist ziemlich schnell. Bei vielen Herstellern sind die Zyklen auf sechs Monate zusammengeschrumpft. Wie halten Sie da alle Marktteilnehmer auf der Höhe der Zeit?
Ich glaube, wir haben noch einen gewissen Puffer, weil die Schnelligkeit bisher nicht zu einem kritischen Wettbewerbsfaktor geworden ist. Wenn wir in andere Industrien schauen, sehen wir, wie schnelllebig das inzwischen ist. Wenn man da einen Trend verpasst, kommt man nicht mehr nach und wird weggefegt. Auf der anderen Seite ist das auch eine Frage, wie schnell man etwas aufnimmt. Wenn ich früh mit etwas anfange, habe ich mehr Zeit, es wirken zu lassen und hineinzukommen. Wenn ich bei den Wechseln binnen sechs oder zwölf Monaten die ersten drei, vier Monate nicht dabei bin und erst dann anfange, mich damit zu beschäftigen, steht schon das nächste Thema vor der Tür und man bekommt das Gefühl, inhaltlich zu stolpern. Daher ist es unsere Aufgabe, zu schauen, dass wir Innovationsschritte so gehen, dass sie den bestmöglichen Nutzen für die Akustiker und deren Kunden darstellen. Und es ist unsere Aufgabe zu schauen, dass wir das dazu notwendige Wissen richtig vermitteln. Aber ich glaube dennoch, dass wir uns als Branche die Frage stellen sollten, ob wir alle schnell und gut genug sind, diese Themen adäquat in Richtung der Endkunden weiterzutreiben. Das ist auch wieder ein gemeinsames Interesse, das wir haben: Geschwindigkeit zu haben, die uns robust macht für mögliche Wettbewerber, die Interesse an diesem Markt haben, und von außen kommen. Die wären eine Bedrohung für uns als Hersteller und für die Leistungserbringer am Markt.
 
Themenwechsel: Das S von CATS steht für Sensorik. Wir beobachten bei Signia eine Art Symbiose zwischen Smartphone und Hörsystem. Inwiefern nutzt das „Charge&Go“ die Sensoren der Smartphones?
Das Pure Charge&Go Nx nutzt die, wie das Vorgängerprodukt auch. Da gab es noch keine Erweiterung. Wir nutzen die Bewegungssensoren der Smartphones also, um die Signalverarbeitung in den Hörsystemen noch weiter zu verbessern. Das ist ein gutes Beispiel für sinnvolle Verbindungen. Was die Unkenrufe anbelangt, dass eines Tages die ganze Rechenleistung der Hörsysteme an das Smartphone ausgelagert wird: Das sehe ich nicht. Das, was wir heute in den Hörgeräten an Prozessen laufen lassen, ist so speziell, das kriegt man nicht auf ein anderes Hardwaregerät ausgelagert.
 
Da wir gerade die Innovationszyklen von sechs Monaten angesprochen haben: Können wir zum EUHA-Kongress in diesem Jahr also mit weiteren Neuheiten aus Ihren Hause rechnen?
Ja. Und ich freue mich darauf, wenn wir unser Gespräch dann fortsetzen.
 
Herr Honsig, wir danken Ihnen für das Gespräch.