Ein Koffer voller Hörgeräte – Ralph Schirner in Argentinien

vom tango zur fanda


Ralph Schirner und Dr. Gina Romano auf dem 62. Internationalen Hörakustiker-Kongress

Bereits 2015 berichtete Audio Infos über das Engagement des Hörakustikmeisters Ralph Schirner in Argentinien. Seit 2003 unterstützt der Inhaber dreier Hörakustikfachgeschäfte die Stiftung FANDA, eine Initiative ausschließlich für hörgeschädigte Kinder. 

Auf dem EUHA-Kongress 2017 erreichte die Unterstützungsaktion ihren vorläufigen Höhepunkt.

Seit Ende des 19. Jahrhunderts hat sich der Tango in den verschieden Formen von Buenos Aires in der gesamten Welt verbreitet und viele Menschen berührt. Woher die Bezeichnung Tango stammt, ist zwar ungeklärt und umstritten. Doch so manch einer glaubt, dass der elegante Tanz sich aus dem portugiesischen „tanger" ableitet, was so viel wie „berühren“ bedeutet. Einer der weltweit vielen Liebhaber des Tango Argentino, der mittlerweile zum immateriellen Kulturerbe der Menschheit der UNESCO ernannt wurde, ist der Hörakustikmeister Ralph Schirner. Wenn es einen Ausgleich zu seinem „wundervollen Beruf“ gibt, dann ist es der Tango. Es ist eine Leidenschaft, die so groß ist, dass Ralph Schirner eines Tages sogar den Wunsch entwickelte, dorthin zu fahren, wo der Tango seinen Ursprung hat: nach Buenos Aires.
 
Allerdings nahm sich Ralph Schirner vor seinem ersten Besuch 2003 noch eine zweite Sache vor. Wie sein Vater, der Augenoptikermeister war und der in 1980ern Jahre kostenlose Brillen für sehbehinderte Menschen in polnischen Altenheimen organisierte, wollte Ralph Schirner seine Reise mit einem guten Zweck kombinieren. Entsprechend erkundigte sich der Hörakustikmeister vor seiner Reise und informierte sich über das argentinische Gesundheitssystem und dessen Hörgeräteversorgung. „Die Ziele waren ganz klar. Zum einen bin ich nach Buenos Aires, um meinen Tanz zu verbessern und zu vertiefen. Zum anderen schwang als Hörakustikermeister der Wunsch, denjenigen zu helfen, die sich kein Hörsystem leisten können, schon gleichermaßen mit. Da etwas zu schaffen, erwies sich am Anfang jedoch als nicht so einfach“, erinnert sich Ralph Schirner, der hierfür die Mutter eines Freundes extra dafür beauftragen musste. Sie lebte in Buenos Aires und entdeckte dort für Ralph Schirner die Stiftung FANDA.


Die Stiftung FANDA wurde 1995 gegründet. Hier Ralph Schirner zu Besuch 2013

Die Hauptaufgabe dieser Stiftung besteht darin, schwerhörige Kinder und Jugendliche mit Hörgeräten auszustatten, die sonst keine Hilfe erhalten. Rein von der Vorgehensweise her könnte man FANDA auch mit einem pädaudiologischen Zentrum in Deutschland vergleichen. Denn alles, was für die professionelle Hörsystem-Anpassung von Kindern notwendig ist, wird man bei FANDA finden. Allerdings erhalten die jungen Besucher zumeist nur ein gebrauchtes Hörgerät. Dies dafür gratis. „Zu Beginn dachte ich, dass in Argentinien erst noch Strukturen aufgebaut werden müssen. Auch wenn ich im Vorfeld aufgeklärt wurde, dass es einen staatlichen Versorgungsweg gibt, so recht glauben konnte ich das nicht, als ich mich mit den ersten 150 Geräten auf den Weg nach Buenos Aires machte“, sagt Ralph Schirner, als Audio Infos ihn im Rahmen des EUHA-Kongresses trifft.

 
Die Stiftung
An diese Begegnung erinnert sich ebenso gut die Leiterin der Stiftung, Frau Dr. Gina Romano, die Ralph Schirner während der EUHA-Tage begleitet: „Er stand damals auf einmal in der Tür, schaute sich unsere Stiftung genau an und überreichte uns dann diese wundervolle Spende. Seither mag ich Ralph nicht mehr missen.“ Der Hörakustikmeister, der inzwischen sieben Mal in Buenos Aires war, ist zwar nicht die einzige Stütze, auf die Dr. Gina Romano bauen kann. Doch er ist ein wichtiger Faktor. Denn ohne seine Mithilfe hätte man vielen Kindern ein barrierefreies Hören mit Hörsystemen in den vergangenen Jahren nicht ermöglichen können. Das, obwohl der argentinische Staat im Rahmen der gesundheitlichen Versorgung ein Hörsystem eigentlich garantiert, sofern man ein Handikap des Gehör mit einer Bescheinigung nachweisen kann. „Gerade Kinder aus bildungsfernen Schichten haben überhaupt keinen Zugang zum Gesundheitssystem. Unabhängig von der schlechten finanziellen Situation, die in vielen Familien herrscht, besteht das Hauptproblem darin, dass ihre Eltern nicht einmal wissen, welche Möglichkeiten es gibt. Hinzu kommt, dass der Staat zwar über ein Programm für die Hörversorgung hörgeschädigter Kindern hat, dieses aber bei weitem nicht ausreicht, und dabei nur die Versorgung eines Ohres erlaubt. Dort zu sparen, halte ich für fatal; schließlich müssen Sie damit ein ganzes Leben auskommen“, klagt Dr. Romano, die 1995 begann, die Stiftung FANDA zu gründen.


Seither hat FANDA mehrere tausende Kinder kostenlos mit einem Hörsystem versorgt

Auslöser hierfür war ebenfalls eine persönliche Erfahrung, die Gina Romano nach ihrem Phoniatrie-Studium Ende der 1980er Jahre machte. Als wissenschaftliche Mitarbeiter des bekanntesten HNO-Zentrums des Landes gehörte es zu ihren Aufgaben, regelmäßig Schulen zu besuchen, die sich speziell um hörgeschädigte Kinder kümmern. Orte, die Gina Romano noch heute schaudern lassen. Zum einen, weil dort bis zum heutigen Tag nur rund die Hälfte der Kinder überhaupt ein Hörgerät besitzt. Zum anderen, weil von den wenigen funktionierenden Geräten, die der Staat zur Verfügung stellt, kaum welche im Umlauf seien, die das Wort Einstellung verdienten. „Ich werde nie vergessen, wie ein Mädchen aus einer solchen Schule meine Nähe suchte, um sich mit mir zu verständigen. Doch was auch immer wir unternahmen – selbst mit Zeichensprache wollte das nicht klappen. Nachdem ich mit den Verantwortlichen der Schule gesprochen hatte, um auf die Situation des Mädchens aufmerksam zu machen, entschloss ich mich, ein Inserat in der Zeitung zu schalten und eine Art Patentante zu werden. Das hat wohl so viele Menschen angesprochen, dass ich dem Mädchen anschließend sogar neue Hörsysteme kaufen konnte“, schildert Gina Romano ihren persönlichen Ausgangspunkt. Doch erst später sei es dann zur richtigen Gründung von FANDA gekommen.
 


Auf dem EUHA-Kongress 2017 erhielt Dr. Gina Romano
ein großes Paket mit 1.400 Hörsystemen

Seither konnte Dr. Gina Romano die Stiftung deutlich ausbauen. Mit Hilfe vieler privater Geldgeber gelang es ihr, ein Zentrum aufzubauen, das seit 1995 weit über 4.000 Kindern mit einem kostenlosen Hörsystem ausstatten konnte. 20 Angestellte – vom Hörakustiker, über HNO-Ärzte und Audiologen bis hin zum Psychologen – sorgen tagtäglich hierfür, im zwanzigsten Stockwerk eines Hochhauses in Buenos Aires. „Natürlich sind wir froh, über jede einzelne Hilfe, die wir bekommen. Auch der Staat hat das verstanden und unterstützt mittlerweile unsere Vorhaben. Allerdings steht und fällt auch heute alles mit den Finanzen und die kommen in erster Linie aus dem privaten Bereich und mit dem, was wir uns erarbeiten“, so Romano weiter.

 
„Alle helfen mit“
Aus diesem Grund versorgt FANDA mittlerweile auch Menschen, die die Hilfe der Stiftung eigentlich nicht benötigen. Diese müssen allerdings für die Inanspruchnahme der FANDA-Dienste, wie zum Beispiel eine Anpassung, auch etwas zahlen. Zudem holt die Stiftung mit einem Patenprogramm einen kleinen Teil der Kosten herein. „Unsere Finanzmöglichkeiten sind in den letzten Jahren deutlich gestiegen. All das reicht jedoch nicht aus, um auch die Hörsysteme aus eigener Kraft erwerben zu können. Gerade deshalb bin ich Ralph und seinem Netzwerk zu großen Dank verpflichtet – das sage ich nicht nur, weil ein Koffer nicht mehr ausreicht, um all die Hörsysteme in diesem Jahr nach Buenos Aires zu bringen“, sagt Dr Gina Romano bei der Verabschiedung. Denn obgleich Ralph Schirner es aus zeitlichen Gründen nicht mehr jedes Jahr nach Buenos Aires schafft, konnte der Hörakustikmeister in den vergangenen Monaten über 1.000 Geräte bei Freunden, Kollegen und Kunden sowie seiner Einkaufsgemeinschaft Meditrend einsammeln. „Das ist nicht ausschließlich mein Verdienst. Das wäre nicht möglich gewesen, wenn nicht alle mitgeholfen hätten“, so Ralph Schirner, der besonders stolz war, 2017 nicht zuletzt auch den Lions Club e.V. für seine Aktion gewinnen zu können. Der Verein spendete weitere 400 Hörsysteme. Nichtsdestotrotz hegt Gina Romano eine weitere Hoffnung für die Zukunft. „Ich weiß, es klingt verrückt. Aber wer weiß, vielleicht schaffen wir eines Tages, Hörsysteme aus eigenen Mitteln finanzieren zu können. Genauso, wie ich das damals für das Mädchen getan habe, die heute voll im Leben steht und als Gebärdendolmetscherin und Lehrerin arbeitet.