Ole Asboe Jørgensen und Torben Lindø von Oticon im Gespräch

"wir sehen uns auf einem guten weg"


Ole Asboe Jørgensen, Präsident, Oticon Brand Global, und Torben Lindø, Geschäftsführer der deutschen Oticon-Niederlassung.

Ole Asboe Jørgensen, Präsident, Oticon Brand Global, und Torben Lindø, Geschäftsführer der deutschen Oticon-Niederlassung, über den Messeauftritt von Oticon, Oticon Medical, Produktneuheiten und über künftige Entwicklungen. 

Herr Jørgensen, Herr Lindø, wir haben inzwischen Donnerstagnachmittag. Können Sie schon eine Zwischenbilanz zu Ihrem Messeauftritt ziehen?
Torben Lindø:Wenn es dem Markt gut geht und die Kunden schon im Vorwege ausführlich über die Produktneuheiten informiert sind, könnte man denken, die Industrieausstellung übe keine große Attraktion aus. Das scheint jedoch überhaupt nicht der Fall zu sein. Gestern habe ich den ganzen Tag über in unserem Besprechungsraum Gespräche mit Kunden geführt. Und immer wenn ich mal raus auf den Stand geschaut habe, war der sehr gut besucht, was für einen Messe-Mittwochnachmittag nicht selbstverständlich ist.
 
Besuchen Ihren Stand vornehmlich deutsche Kunden oder verzeichnen Sie auch größeres Interesse bei internationalen Gästen?
Torben Lindø:Mehrheitlich zieht der EUHA Kongress deutsche Besucher an. Er gewinnt aber auch international immer mehr an Bedeutung. Wir hatten schon viele Besucher aus dem asiatischen Raum bei uns, was sich sicherlich damit erklären lässt, dass Oticons Präsenz im asiatischen Markt größer geworden ist. Und die Asiaten genießen es ja, nach Europa zu reisen, um sich dann hier über Neuheiten zu informieren.
 
Geht es tatsächlich immer nur um Informationen? Die Messe zum EUHA-Kongress ist doch auch eine Verkaufsmesse, oder?
Torben Lindø:Es kommt sicherlich beides zusammen, wobei die Industrie einen Trend weg vom Verkaufen erkennt. Das kann man mit dem Strukturwandel erklären. Die Kunden besuchen unseren Stand, um sicherzustellen, dass sie alle für sie relevanten Informationen zu unseren Produkten haben. Da die Innovationszyklen immer kürzer werden, ist es wichtig, dass man sich während des laufenden Jahres stetig informiert. Zum Beispiel bei regionalen Roadshows oder den EUHA Landestagungen. Die EUHA Messe bietet eine exzellente Möglichkeit, einmal im Jahr einen Gesamtüberblick zu bekommen und einen Herstellervergleich zu erheben. Die Neuheiten von Oticon waren auch in diesem Jahr zahlreich. Zum Jahresanfang standen die neuen Preisklassen für Opn 2 und 3 im Mittelpunkt, im Juni folgten mit den HdOs und den Systemen mit T-Spule neue Bauformen für Opn, im September legten wir die Akku-Lösung  nach und nun präsentieren wir den ConnectClip. Wir präsentieren also alle drei Monate etwas Neues.
 
Da Sie die kurzen Innovationszyklen ansprechen: Dreht sich das Rad hier nicht vielleicht auch etwas zu schnell? Wenn ich daran denke, dass ich mir heute meine Opn-Hörsysteme kaufe, die ja nicht ganz günstig sind, und dann kommen Sie in absehbarer Zeit schon wieder mit etwas Besserem – da fühle ich mich als Kunde doch benachteiligt …
Torben Lindø:Wenn Sie sich heute für Oticon Opn entscheiden, dann ist das in der Regel eine Investition für die nächsten fünf bis sechs Jahre. Mit der Möglichkeit eines Firmware-Updates für die Hörsysteme haben wir dafür gesorgt, dass Sie als Kunde ständig von den Fortschritten in der Technologie profitieren. Wann immer wir ein neues Software-Update anbieten, können Sie Ihr Opn updaten und haben so das Versprechen, dass das Opn-System, das Sie heute kaufen, auch die nächsten Jahre State of the Art bleiben wird.
Ole Asboe Jørgensen:Mit Opn haben wir sehr viel Aufmerksamkeit erregt. Bei der Produkteinführung gab es immer wieder die Frage, ob Opn tatsächlich die vielen angekündigten Vorteile und das in Aussicht gestellte einzigartige Hör-Erlebnis bietet. Inzwischen konnten wir die vielen begeisterten Nutzerstimmen zu Opn durch verschiedene internationale, unabhängige Studienergebnisse ergänzen, die wir ebenfalls am Oticon Stand präsentieren.
Torben Lindø:Wir haben diese Ergebnisse so für die Hörakustiker aufbereitet, dass sie im Gespräch mit Endkunden verwenden können. Die Testergebnisse dienen so als Beratungswerkzeug, um Endkunden einfacher zu erklären, was dieses Produkt so besonders macht.
 
Sie haben eben Ihre Akku-Lösung angesprochen. Diese unterscheidet sich bekanntlich von den Lösungen zweier großer Mitbewerber. Statt auf Lithium-Ionen-, setzen Sie auf Silber-Zink-Akkus. Warum haben Sie sich für diesen Weg entschieden?
Ole Asboe Jørgensen: Die Silber-Zink-Akku-Lösung ist derzeit weiter entwickelt als die Lithium-Ionen-Lösung. Sie bietet einfach mehr Effizienz bei einer vorgegebenen Batteriegröße. Mit den Silber-Zink-Akkus können wir für das technologisch fortschrittliche Opn einen ganzen Tag Nutzungsdauer sicherstellen. Bei Lithium-Ionen-Akkus hätten wir Kompromisse machen müssen.
 
Welche zum Beispiel?
Ole Asboe Jørgensen: Wir hätten auf einige Features verzichten und die Hörsysteme größer bauen müssen, weil Lithium-Ionen-Akkus größer sind. Wir sehen uns allerdings alle Technologien an. Da sich auf diesem Feld sehr viel tut, möchte ich nicht ausschließen, dass wir in der Zukunft und nach Technologieverbesserungen Lithium-Ionen Akkus zum Einsatz bringen werden.
 
Wie viele Ladezyklen hält so ein Silber-Zink-Akku aus?
Ole Asboe Jørgensen:Man wird diese Akkus mindestens ein Jahr lang nutzen können und man kann sie problemlos austauschen. Bei Bedarf kann man auch einfach eine normale Hörsystem-Batterie einsetzen.
 
Kann auch jemand, der Oticon Opn der ersten Generation nutzt, nun einfach die entsprechenden Akkus einsetzen? Oder braucht man dafür die neuen Geräte?
Torben Lindø:Unser Konzept sieht vor, dass die Akustiker auch bereits verkaufte Opn Ex-Hörer Mini Hörsysteme in seinem Geschäft unkompliziert nachrüsten können.
 
Des Weiteren hatten Sie einen ConnectClip erwähnt. Wofür wird man den nutzen können?
Torben Lindø:Der kleine ConnectClip verwandelt Oticon Opn-Hörsysteme in ein Stereo Wireless-Headset und ist ein echtes Multitalent. Der Kunde kann ihn nutzen, um mobil, freihändig und in Stereo mit allen modernen Smartphones zu telefonieren. Auch Android-Nutzer können jetzt jegliche Audiosignale, z.B. Musik oder Videos, vom Smartphone drahtlos in Stereo in die Hörsysteme übertragen. Darüber hinaus ist der ConnectClip als externes Mikrofon, z.B. für Vorträge, einsetzbar und er fungiert auch als Fernbedienung zur Lautstärkeregulierung sowie für Programmwechsel.
 
Neben den Hörsystem-Neuheiten zeigen Sie hier auf der Messe mit dem Neuro 2 ein neues Cochlea Implantat. Inwieweit hält damit Technologie aus Ihren Hörsystemen Einzug in den CI-Bereich?
Torben Lindø:Lassen Sie mich für die Antwort kurz zurückblicken wie alles begann: Da es bei CIs eine große Schnittmenge mit unserer Kernkompetenz gibt und wir in diesem medizinischen Bereich eine starke Wachstumsperspektive gesehen haben, haben wir vor einigen Jahren geschaut, wo wir investieren können. Es gab einige Möglichkeiten und dabei sind wir unter anderem auf Neurelec gestoßen …
 
… ein kleines französisches Unternehmen …
Torben Lindø:… das ein gutes CI-System, mit zu dem Zeitpunkt bereits sehr guten Ergebnissen entwickelt hatte. Neurelec war vor allem in Frankreich und in Nordafrika aktiv und es fehlte an einem großen internationalen Vertriebsnetz. Das war der erste Ansatzpunkt für uns, zu investieren. Darüber hinaus waren wir uns sicher, dass wir die Entwicklung in der CI-Signalverarbeitung und auch im Bereich Design aufgrund unserer Erfahrung bei Hörsystemen weiter voranbringen könnten. So kam es zu der Zusammenarbeit und späteren Übernahme.
 
Und nun konnten Sie Ihr Know-how als Hörsystem-Hersteller auch bei Ihren CI einbringen?
Torben Lindø:Ja, unbedingt. Bereits mit dem Soundprozessor des Neuro One hatten wir einen guten Start und konnten über das System gute Kontakte zu den Kliniken aufbauen. Und auch die ersten audiologischen Ergebnisse sind überaus vielversprechend. Um uns bei den CIs durchzusetzen, brauchten wir darüber hinaus etwas Einmaliges – so wie Oticon Opn bei den Hörsystemen. Mit Neuro 2 ist uns das gelungen, denn dort können wir in vielen relevanten Bereichen etwas Neues anbieten. Mit Neuro 2 setzen wir im Bereich der CIs neue Maßstäbe in Sachen Ästhetik und Design. Der Prozessor ist der kleinste CI-HdO Prozessor am Markt und kommt damit einem Hörgerät schon sehr nahe. Dieses geht Hand in Hand mit einem neuen Standard in Sachen Qualität und Verlässlichkeit. So, wie Sie es von Oticon im Bereich der Hörgeräte bereits kennen. Neu ist, dass wir nun auch die BrainHearing-Technologie in unseren CIs anbieten, die dem Betroffenen einen besseren Klang und ein besseres Sprachverstehen bei geringerem Höraufwand ermöglichen wird. Dazu gibt es eine neue Anpass-Software, und letztendlich ermöglicht der Neuro 2-Sprachprozessor die bimodale Versorgung mit einem Oticon-Hörgerät.
 
Demnach wird Oticon Medical für Sie künftig ein größerer Zweig?
Ole Asboe Jørgensen: Ja, unbedingt. Es passt strategisch gut und die Perspektiven für eine positive Weiterentwicklung sind gegeben. Und ich möchte noch hinzufügen, dass der Markenname Oticon auch im Bereich der Kliniken sehr stark ist und für Qualität steht.
 
Welches Feedback haben Sie bisher von den Kliniken bekommen? Dieser Vertriebskanal dürfte für Sie ja ein neuer gewesen sein …
Torben Lindø:Nun ja, Oticon hatte über die Knochenverankerten Hörsysteme (Ponto) schon lange einen Zugang zu den Kliniken, aber es ist richtig, dass hier ganz neue Herausforderungen auf uns gewartet haben. Wir sind, entgegen unseren Befürchtungen, auf sehr großes Interesse seitens der Kliniken gestoßen, die uns – insbesondere im Hinblick auf den nun vorgestellten Neuro 2 – gern mit in ihr Portfolio aufgenommen haben. Dieses zeigt sich ja auch darin, dass wir schon in vielen Kliniken aktiv den Kandidaten für ein CI-System angeboten werden, und auch darin, dass viele Häuser sich aktiv an der weiteren Erforschung des Systems beteiligen oder dieses tun wollen. So haben wir beispielsweise gerade eine Multicenter Studie mit den Universitätskliniken in Frankfurt, Freiburg und Hannover aufgesetzt, bei der die genaue Funktionsweise des BrainHearing im Bereich CI und dort insbesondere die Höranstrengung weiter erforscht werden soll. Im Moment konzentrieren wir uns sehr darauf, dass wir den Zentren, die bereits mit uns zusammenarbeiten, und den bereits mit einem Neuro-System versorgten Patienten, den entsprechenden Service bieten, den sie berechtigterweise von uns erwarten. Dieses wird, neben dem Produkt selbst, ein Schlüsselfaktor zum Erfolg sein. Aber auch hier sehen wir uns auf einem sehr guten Weg.
 
Lassen Sie uns zum Schluss einen Blick in die Zukunft werfen. Auf dem Oticon Symposium in Hamburg gewähren Sie ja gerne mal einen Einblick in mögliche künftige Entwicklungen wie etwa Hörsysteme, die über das EEG-Signal z.B. Gehirnströme erkennen können. Können Sie uns schon eine Idee geben, wann der Markt mit derartigen Hörsystemen rechnen kann?
Ole Asboe Jørgensen:Dazu dürfen wir noch keine Details nennen. Was wir aber sagen können ist, dass wir auch bei den künftigen Entwicklungen das Konzept der BrainHearing Technologie verfolgen. Wir verstehen uns nicht als diejenigen, die nur eine Hörminderung kompensieren. Wir entwickeln Technologien, so dass das Gehirn trotz einer Hörminderung das bestmöglich verstehen kann bei geringer Höranstrengung. Am Ende könnte das auch darauf hinauslaufen, dass wir nicht nur dabei unterstützen, das Hörvermögen zu verbessern, sondern dass wir das Gehör und das Gehirn fitter machen. Dafür müssen wir natürlich in der Lage sein, messen zu können, was im Gehirn vor sich geht. Und wer weiß, wohin das führt. (lacht)
 
Da Sie BrainHearing ansprechen – hierbei spielen ja auch die kognitiven Fähigkeiten des Endkunden eine Rolle. Werden Sie in naher Zukunft Ihren Kunden ein Werkzeug anbieten können, mit dem man die kognitiven Fähigkeiten wird messen können?
Ole Asboe Jørgensen:Wenn wir von kognitiven Fähigkeiten sprechen, geht es nicht darum, dass es leistungsstarke und weniger leistungsstarke Gehirne gibt. Jedes Gehirn arbeitet individuell. Es geht um die persönliche Wahrnehmung. Der Hörakustiker kann Oticon Opn so anpassen, dass die Signalverarbeitung den individuellen Anforderungen des Kunden entspricht. Eine ganz einfache Methode, etwas über die auditive Verarbeitung des Kunden zu erfahren, ist es, dem Kunden verschiedene Klangbeispiele darzubieten und ihn zu seinen Hörvorlieben zu befragen. Das haben wir in der Anpass-Software seit vielen Jahren integriert. Um diese Art der Personalisierung wird es in Zukunft vermehrt gehen. Weitere Tests dazu wären hilfreich, sie müssen aber natürlich einfach durchzuführen sein.
 
Wird sich die Rolle der Akustiker dadurch zukünftig ändern?
Ole Asboe Jørgensen:Die Hörakustiker werden in der Zukunft den Kunden noch stärker beratend zur Seite  stehen, sie über Lösungsmöglichkeiten aufklären und ihnen bei der Entscheidung helfen. Ich denke, dass über 90% der Endkunden keine Hörsysteme kaufen würden, wenn sie nicht ausführlich und gut von ihren Hörakustiker beraten werden. Der Hörakustiker hat ja gerade die wichtige und entscheidende Aufgabe, die Kunden von Hörsystemen zu überzeugen, einem Produkt, das - nach wie vor - viele nicht haben wollen. Nur, wenn die Endkunden verstehen, welche Vorteile sie davon haben, sich Hörsysteme anpassen zu lassen, werden sie Hörsysteme erwerben.
 
Herr Jørgensen, Herr Lindø, haben Sie vielen Dank für das Gespräch.